Die Nachlese

China – Eine Serie zum wirtschaftlichen Quantensprung von der Vergangenheit in die Zukunft

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China: Der Fluch der großen Zahl

Ein Land an den Grenzen des Wachstums. Wirtschaftsboom und 1,3 Milliarden Chinesen sind eine ökologisch tödliche Mischung.



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T. Micke

Peking an einem heißen Juli-Morgen. Unser Begleiter hatte uns mit seiner ganzen chinesischen Höflichkeit dazu überredet, um fünf Uhr früh aufzustehen, damit wir "rechtzeitig" bei der Großen Mauer sein konnten. "Rechtzeitig" bedeutete in seinen wohlgewählten Worten, dass es später zu "unvorhersehbaren Schwierigkeiten" kommen könnte, die er vermeiden wolle, um uns eine angenehme Reise zu ermöglichen.

Die Fahrt ging durch die Vororte der Hauptstadt mit ihren Märkten, auf denen die Städter günstig frisches Gemüse direkt von den Bauern kaufen, an chinesisch-romantischen Reisfeldern und gefährlich nahe an Feldarbeitern vorbei, die ihr Korn direkt auf der neu asphaltierten Straße mit Hilfe der tonnenschweren Lkws und Autos droschen.

Nach etwa zwei Stunden tauchte die Große Mauer im warmen Morgendunst vor uns auf. Gewaltig, 5000 Kilometer lang, mehr als 2000 Jahre alt und angeblich das einzige Bauwerk der Erde, das sogar vom Weltraum aus mit freiem Auge gesehen werden kann.

Leider dauerte diese Phase des Staunens ("Ich bin auf diesem Planeten doch nur ein unbedeutendes Rädchen im gewaltigen Getriebe von Zeit und Raum") nur ein paar Minuten. Denn dann steckten wir im Stau. Und die Mauer, auf die seit ein paar Jahren eine Gondel wie auf den Hahnenkamm hinaufführt, entpuppte sich als Fußgänger-Autobahn mit Kolonnenverkehr. Man kam unweigerlich ins Grübeln, nach wie vielen Jährchen wohl dieser für Touristen freigegebene Teil des Jahrtausend-Bauwerks durch Abnützungserscheinungen dem Erdboden gleichgemacht sein würde.

Ob an der Chinesischen Mauer, am malerischen Westsee von Hangzhou oder am Fuße der zauberhaften Karstberge von Guilin, man sah und spürte deutlich, dass die größte Gefahr für Chinas Naturschätze der Mensch ist. Und das noch bevor China vom Westen als ultimatives Urlaubsland entdeckt worden ist. Denn hier genügen schon die heimischen Touristen, um an einem schmalen Brücklein im Walde einen Fußgängerstau zu verursachen.

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Picture by T. Micke

Ein 13-Milliarden-Volk gelangt langsam, aber sicher zu "bescheidenem Wohlstand". Die Wunschträume der Chinesen ähneln denen der Europäer in den Nachkriegsjahren: Fernsehapparat, Musikanlage (in China unbedingt mit Karaoke-Funktion) und natürlich irgendwann ein Auto. Letzteres ist für die meisten noch Utopie. Aber wer hätte vor zwanzig Jahren schon geglaubt, dass der Trend bei uns einmal zum Zweit-Farbfernseher gehen würde?

Was die meisten Menschen in China als Segen sehen, wird schnell zum Fluch werden, wenn das Land nicht mit sehr viel Umsicht ins nächste Jahrtausend geführt wird. Der Wirtschaftsboom und die trotz staatlich angeordneter Ein-Kind-Ehe weiter explodierende Bevölkerung (plus 16 Millionen jährlich) sind eine ökologisch tödliche Mischung.

Von 532 untersuchten Flüssen etwa mussten kürzlich von der chinesischen Umweltschutzagentur Nepa 436 als belastet eingestuft werden. Öl, Chlorkohlenwasserstoffe und Schwermetalle sorgen dafür, dass die Menschen zunehmend lieber destilliertes Wasser trinken als in Flaschen abgefülltes Mineralquellwasser.

Der stark steigende Energiebedarf des Landes wird derzeit zu 73 Prozent durch schlechte, stark schwefelhaltige Kohle abgedeckt. Die Luftverschmutzung ist enorm. Was passiert, wenn der Durchschnitts-Chinese in Großstädten wie Shanghai (12,8 Millionen Einwohner) oder Peking (10,8 Millionen Einwohner) wohlstandsbedingt vom Fahrrad zum Auto wechselt, ist nicht auszudenken.

Immerhin hat China die Zeichen der Zeit spät, aber doch erkannt. Man weiß, dass eine Industrialisierung à la Europa oder USA zum Kollaps führen wird und zieht deshalb internationale Experten zu Rate. Seit zwei Jahren wird im "China Council" (ein Mitglied ist z.B. der Generaldirektor des WWF) regelmäßig darüber debattiert, wie die eng verknüpften Probleme des Landes gelöst werden können.

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Picture by T. Micke

Es fällt demokratiegewohnten Amerikanern und Europäern zu leicht, sich von den Sorgen eines Landes wie China zu distanzieren.

Man sagt: "China, richtig, die letzte Bastion der Kommunisten. Dort geht man über Leichen. Da ist sowieso schon Hopfen und Malz verloren."

Wer solche Ansichten vertritt, sollte eines nicht vergessen: China ist auf dem besten Weg, erstes Land der Erde zu werden, das die Grenzen des Wachstums tatsächlich erfährt. Und ein solches Problem, das auch einmal bei uns aktuell werden wird, geht ganz bestimmt uns alle an.


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© Eine Reportage von T. Micke (23-08-95) – Kontakt