Die Nachlese

China – Eine Serie zum wirtschaftlichen Quantensprung von der Vergangenheit in die Zukunft

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Wirtschaft in China: Das Feuer von Drache und Phönix

In Chinas Großstädten herrscht jetzt Goldgräberstimmung. Man weiß: Wer hier tüchtig ist, hat alle Chancen.



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T. Micke

Phönix und Drache – seit Jahrtausenden Symbole für Kaiserin und Kaiser und damit (neben den Shaolin-Mönchen) Symbol für China – haben bis in dieses Jahrhundert das Reich der Mitte beherrscht. Und selbst wenn in den vergangenen Jahrzehnten durch Misswirtschaft und Fehlkalkulationen das Feuer von Drache und Phönix weit heruntergebrannt ist, so steckt in den Menschen doch ein ungeheures Potential an Energie.

Die eine "Quelle der Kraft", auf die man in Peking baut, sind Auslandsinvestoren. Die andere Quelle sprudelt in den eigenen Reihen. Laut Feng Bing, Generalsekretär der Kommission für Wirtschaftsreformen, könnte man Chinas Staatsbetriebe mit einem Rosenstock vergleichen: "Siebzehn Jahre nach Mao Tse Tungs Tod haben wir den richtigen Weg erkannt. Seit 1993 ist China in einer neuen Phase." Die Kunst besteht nun darin, den Rosenstock China wieder zum Blühen zu bringen. Da ist es notwendig, viele Triebe zurückzuschneiden, die in den vergangenen Jahrzehnten wuchern konnten. Von einigen muss sich China ganz trennen, andere müssen gehegt und gepflegt werden.

Feng Ring: "Die Schlüsselbetriebe bleiben fest in der Hand des Staates. Der Rest wird umstrukturiert oder verkauft. 20 Prozent der Staatsbetriebe existieren sowieso schon praktisch nicht mehr, weitere 34 Prozent machen Verluste. Und bei denen setzen wir an."

Ein Beispiel für chinesisches "Know-how" ist die Firma "Phönix" am Stadtrand von Shanghai, bezeichnenderweise die größte Fahrradfabrik der Welt. Das Unternehmen beschäftigt 10.500 Mitarbeiter in 13 Fabriken in ganz China. Täglich werden 10.000 Fahrräder produziert, etwa 2000 davon gehen in den Export.

Mächtige Zahlen, die allerdings wieder harmlos wirken, wenn man sich vor Augen hält, dass allein . in China im Jahr 1993 430 Millionen Fahrräder unterwegs waren. Bei solchen Zahlen kann man annehmen, dass die Chinesen wissen, wie man Fahrräder baut.

Bei Phönix wird vom Einheitsrad in traditionellem Schwarz (Preis: etwa 40 Euro) bis zum Mountainbike mit Rock-Shocks, 21 Gängen, Alu-Felgen und Chrom-Molybdän-Rahmen, das (in China gekauft) und glaubliche 220 Euro kosten würde, alles hergestellt. Man exportiert nach ganz Asien, stellt sogar ein eigenes Klapprad für die USA her. Alles wäre fein (für die Chinesen), so Phönix-Manager Gu Ji Xiang, würde man sie nur auf den europäischen Markt lassen. Denn die EU hat gegen Phönix ein Anti-Dumping-Gesetz aus der Tasche gezogen. Man fürchtet hierzulande (vermutlich zu Recht), Mountainbikes aus China würden die guten Preise ruinieren.

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Picture by T. Micke

In Chinas Städten herrscht Goldgräberstimmung. Unterhält man sich mit Wirtschaftsstudenten über ihre Zukunftspläne kommt folgendes heraus: "Natürlich wollen wir für ein paar Monate in den Westen, einmal sehen, wie die Menschen dort leben, aber für immer? Wozu? China ist das Land, in dem man reich werden kann. Wir haben hier, ein Wirtschaftswachstum, das in den vergangenen Jahren. immer um die 12, 13 Prozent lag."

Ein junger Chinese, der sein Glück mit Sicherheit gemacht hat, ist der 28-jährige Xiao Ji. Er hat Maschinenbau studiert und ist in die von, seinem Vater gegründete Fabrik eingestiegen. Die Firma SMS produziert seit 1993 Schalterelemente für Stromleitungen, die noch vor einigen Jahren. um mehr als, 7000 Euro das Stück – aus Europa teuer importiert wurden. – Ein wichtiges Produkt, da das riesige Land noch lange nicht vollständig "unter Strom steht". 1994 machte SMS einen Umsatz von 20 Millionen chinesischen Yuan, 1995 werden es 40 Millionen sein – für europäische Verhältnisse unfassbare Wachstumszahlen.

Die Frage liegt nahe: Und wer kassiert den Gewinn? Hier werden die Vorstellungen der chinesischen Regierung von "sozialistischer Marktwirtschaft" deutlich: Die SMS befindet sich im Übergang zu einer rein chinesischen Aktiengesellschaft. 95 Prozent der Mitarbeiter sind bereits Aktionäre. Gewinne werden reinvestiert, allerdings gibt es großzügige "Prämien" und "Gewinnausschüttungen".

So bekommt jeder einen Teil vom "Kuchen", und Vater Staat hält seine Hand über alles, da natürlich der Boden, auf dem die Fabrik steht, "Eigentum des Volkes" ist.

In einer Diskussion mit dem Generalsekretär der Kommission für Wirtschaftsreform, Feng Bing, meinte Feng: "Ihr aus dem Westen, ihr wollt uns immer in eine Schublade stecken. Ihr wollt andauernd wissen: ,Also ist das jetzt Kommunismus oder Kapitalismus?' Ich sage Ihnen etwas: Wir sehen ja, dass die Marktwirtschaft im Kapitalismus wunderbar funktioniert. Wir wollen auch Marktwirtschaft, aber keinen Kapitalismus. Wir wollen Sozialismus. Wir hatten nur in den letzten Jahren (mit der Planwirtschaft) den Weg dorthin verloren."

Und dann fügte er scherzhaft hinzu: "Vielleicht ist ja euer Kapitalismus auch nur eine Station auf dem Weg zur Sozialen Marktwirtschaft! Mal sehen, wer früher dort ankommt."


< Lesen Sie in Teil IV dieser Serie: Der Fluch der großen Zahl – Tourismus & Umwelt im Reich der Mitte

© Eine Reportage von T. Micke (22-08-95) – Kontakt