Die Nachlese

China – Eine Serie zum wirtschaftlichen Quantensprung von der Vergangenheit in die Zukunft

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Kapitalismus in China – Inseln des freien Marktes

Sonderwirtschaftszonen, die Löcher im "roten Käse des Sozialismus" sollen das Land beleben. Österreich ist dabei.



Foto
T. Micke

Heiße, feuchte Tropenluft Guangzhou (Kanton), die erste Stadt Chinas, die heuer Smog-Alarm hatte, ist im Sommer für "lasche" Europäer eine harte Prüfung. Diese Feuchtigkeit, gepaart mit dieser Hitze. – Dank dem, der die Klimaanlage erfunden hat.

Zwei Autostunden südöstlich von hier und in strategisch günstiger Lage zum nahen Hongkong entsteht die Sonderwirtschaftszone Shenzhen. Gewissermaßen ein Loch im roten Käse des Sozialismus, wie ein Chinese uns erklärte.

Wer Geld machen will, ist hier richtig Dreispurige Autobahn ins Niemandsland und eine nagelneue Hochgeschwindigkeitseisenbahnstrecke sollen die Hauptschlagadern ins China von morgen werden. Grenzübergang, Passkontrolle im eigenen Land. Das Gebäude sieht aus wie eine Autobahnmautstelle, nur geht es hier um etwas anderes. Datenerfassung. Denn nicht jeder darf hier arbeiten. Und der Andrang der Menschen aus den Provinzen ist groß.

Man kann zusehen, wie die Wolkenkratzer aus dem Boden schießen. Shenzhen ist ein Alptraum fürs Auge und ein Paradies für Investoren. Wer Geld machen will, ist hier richtig, wer leben will, ist fehl am Platz. Man hat es den Handelstreibenden leicht gemacht. Weniger Gebühren, weniger Bürokratie, weniger Kontrolle aus Peking. Auch eine Börse soll hier eröffnet werden.

Über solche Inseln des Freien Marktes wird, nach Vorstellung der Regierung, die gesamte Wirtschaftsmaschinerie des Landes in Schwung kommen. Auch Hongkong wird da eine wesentliche Rolle spielen.

"Guangzhou und Hongkong sind wie Mund und Zähne", verglich Li Chun Hong, Vize-Direktor der Provinzverwaltung, im Interview. "In den letzten 15 Jahren kam 80 Prozent des Kapitals, das bei uns investiert wurde, aus Hongkong." Tatsächlich können es die Chinesen kaum noch erwarten, dass die ehemalige britische Kronkolonie zurückgegeben wird. So hat man in Peking auf dem Platz des Himmlischen Friedens eine Uhr aufgestellt, die die Sekunden bis zur Rückgabe des schmachvoll im Opiumkrieg verlorenen Gebietes herunterspult.

Spricht man mit dem Leiter der Kommission für wirtschaftliche Reformen Chinas, so erfährt man, dass Hongkong auch nach 1997 das bleiben soll, was es bisher war: goldenes Tor zum Westen, befruchtende Insel des Kapitalismus und der Marktwirtschaft.

Die Kommission für Wirtschaftsreform wird in den kommenden Jahren versuchen, mit Hilfe von Marktwirtschaft (keine Planwirtschaft mehr) eine neue Art von Sozialismus erstehen zu lassen. Wichtigstes Ziel dabei ist, den Wohlstand der Bevölkerung zu heben. Frei nach der Formel: Wo Menschen zufrieden sind, gibt es keine Aufstände. Und dazu braucht China viele ausländische Investoren, da dem Staat zum Ankurbeln der Wirtschaft einfach das Geld fehlt.

Eine andere Insel wirtschaftlichen Goldgräbertums bekommt derzeit in der 13-Millionen-Metropole Shanghai den letzten Schliff. Der Stadtteil Pu Dong, noch vor kurzem Ackerland und Heimat Hunderter Bauern, ist nicht wiederzuerkennen. Wolkenkratzer mit luxuriös spiegelnden Fassaden sind dort in Rekordzeit nach Reißbrettplänen entstanden, die Bauern wurden "abgesiedelt". Man braucht Platz im alten Shanghai für das neue China, und die alten Stadtteile umzustrukturieren hätte zu viel gekostet.

Auch Österreich ist in diesem Irrgarten Hunderter chinesisch-ausländischer Kooperationsfirmen, vertreten. Auf der "Kärntner Straße Shanghais", der Nan Jing Road, steht an einer Bushaltestelle ein Plakat: "ZumtobeI Kaffee", illustriert mit einer Szene aus dem Wiener Traditions-Cafe Hawelka.

Die Fabrik, die China mit Kaffee à la Austria versorgen soll, steht in Pu Dong. 60 Prozent dieser Jointventure gehören der Firma ZumtobeI in Dornbirn, Vorarlberg, 40 Prozent dem chinesischen Partner. Zehn Millionen US-Dollar stecken insgesamt in dem Unternehmen, das in Shanghai von einem ehemaligen US-Englisch-Lehrer namens Peter Hoffman geleitet wird.

Wie jedes neue Projekt hat auch Zumtobel schwer zu kämpfen. Kaffee ist sehr ungewohnt für die teetrinkenden Chinesen. Natürlich hat kaum einer daheim eine Filtermaschine stehen wie bei uns. In vielen Regionen gibt es nicht einmal Strom.

Als wir Zumtobel in Shanghai besuchten, war man gerade dabei, Kaffee probeweise in Tee-Säckchen abzufüllen. Peter Hoffman erklärte seinen Angestellten mit schwerem US-Akzent auf chinesisch die Problematik: "Wir müssen jetzt eine Befestigung entwickeln, an der man die Säckchen ins Wasser tauchen kann..."

Zumtobel hat neben riesigen italienischen Röstmaschinen in seiner Fabrik auch noch eine komplette Abfüllanlage für Getränkedosen. Man will den Chinesen Eiskaffee als Erfrischungsgetränk näher bringen. Die Produktion hat mit 300 Dosen am Tag bereits begonnen, 600 sind geplant. Ein Problem: Der feuchte chinesische Zucker verstopft die Einlassöffnungen der filigranen italienischen Apparate. Bis solche und ähnliche Dinge gelöst sind, soll hier in Lizenz Ovomaltine abgefüllt werden, auch Coca-Cola hat schon angefragt.

Bei der Bevölkerung eingeschlagen hat dafür die TV-Werbung: Langbeinige Asiatin trippelt in äußerst knappem Minirock an die Bar, bestellt Zumtobel-Eiskaffee – Strauß-Musik ertönt...

Chinas Behörden haben sich bereits über den Minirock beschwert (Pornographie ist hier verboten), aber die jungen Mädchen üben schon begeistert auf der Straße den aufreizenden Gang des Kaffee-Models.


< Lesen Sie in Teil III dieser Serie: Das Feuer von Drache und Phönix – Goldgräber-Stimmung in Chinas Großstädten

© Eine Reportage von T. Micke (21-08-95) – Kontakt