Die Nachlese

China – Eine Serie zum wirtschaftlichen Quantensprung von der Vergangenheit in die Zukunft

ARCHIV INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Eis statt Reis – Es lebe die Hitze!

Das bevölkerungsreichste Land der Erde öffnet sich der Welt und bietet heimischen wie ausländischen Geschäftsleuten und Abenteurern ungeahnte Chancen. China, neues Land unbegrenzter Möglichkelten – für den, der mit Kultur und Menschen umzugehen lernt!



Foto

Nichtsahnend schlenderten wir an der Uferpromenade des berühmten Westsees von Hangzhou entlang, unterhielten uns über chinesische Frauen, darüber, dass sie im Gegensatz zu den meisten Japanerinnen, die wir als Touristen aus Europa kannten, sehr schlank und groß seien und, je weiter südlich wir uns von Peking entfernt hatten, sich auch erstaunlich elegant kleideten.

Draußen auf dem See schaukelten die Laternen kleiner Ruderboote, und auf dem breiten Grünstreifen zwischen Promenade und Straße kuschelten heimlich junge Pärchen im Schutz der Dunkelheit.

Solcherart abgelenkt, wären wir beinahe am ersten österreichischen Eisgeschäft Chinas vorbeigelaufen, an der Harrer-Eisdiele, die sich an der Uferpromenade in Hangzhou, im "Zell am See von China", so selbstverständlich in die Landschaft fügt. Auffallend war nur, dass es in dem schönen Holz-Pavillon trotz später Stunde mitten unter der Woche vor Gästen nur so wimmelte.

Der erste Eindruck bestätigte sich: Toni Harrer (35) aus Mattersburg im Burgenland, der in Niederösterreich und Wien sechs oder sieben Eisdielen besitzt, hat hier in kurzer Zeit unglaublich viel erreicht. Wenn man seine China-Niederlassung sieht, könnte man glauben, nicht italienisches Eis sei so bekannt und weltberühmt, sondern österreichisches.

Harrers Eisdiele hat sich im subtropisch schwülen Hangzhou innerhalb eines Jahres zum Treff entwickelt. Jeder Taxifahrer der 5, 8-Millionen-Stadt kennt, laut Umfrage, schon den Weg, wenn man ihn "zu Harrer" dirigieren will (was sonst nicht so selbstverständlich ist). Und Reinhard Lindner (28) aus Föhrenau (NÖ), Leiter der Harrerschen China-Connection, kann sich schon jetzt über "schwarze Zahlen" und bis zu 3000 Gäste täglich freuen. Wir besuchten Reinhard Lindner in seinem Eispalast am Jahrestag der Eröffnung.

Wenn man weiß, wie schwer sich viele Investoren in China tun, wie viele aufgeben müssen, weil die bürokratischen Hürden zu hoch und der Weg zum großen Geld zu steinig ist, dann wirkt das Harrersche Erfolgsrezept genial einfach.

Foto
Picture by T. Micke

Wie jeder Ausländer, der in China eine Zweigstelle aufbauen will, musste der Eismann eine "Joint-Venture", eine Kooperation mit einem chinesischen Unternehmen, eingehen. Die Probleme, die sich daraus ergeben, bringen viele Investoren zum Verzweifeln. Der Partner hat die Beteiligungsmehrheit (Harrer: 40 zu 60), genießt hohes Mitspracherecht und billigt oft wichtige Entscheidungen nicht. Was folgt, ist ein geldraubendes Tauziehen um Kompetenz und Macht, das viele Projekte zum Scheitern verurteilt.

Auch Reinhard Lindner hatte Probleme mit dem Partner "Cadtic" (Chinas viertgrößte Investmentgesellschaft): "Als zum Beispiel im Herbst frische Erdbeeren auf dem Markt um 50 Groschen teurer waren, wollte man das Erdbeereis von der Karte streichen. Nach dem Motto: Wir haben noch neun andere Sorten. Als ich eine Musikanlage westlichen Standards installieren wollte, drängte man mir eine billige chinesische auf. Dass sich solche Investitionen über längere Zeit hin rentieren, weil wir nur so den Qualitätsstandard unserer Eisdiele halten können, hat man nicht eingesehen. Und eine für chinesische Verhältnisse teure Musikanlage fällt in der Bilanz natürlich unangenehm auf."

Da griffen Harrer & Co. zu einem Trick: Man bot dem Partner einen jährlichen Fixgewinn an und erkaufte sich im Gegenzug das alleinige Management-Recht. Lindner: "Für die Cadtic-Leute war das so, wie wenn sie ein festverzinsliches Wertpapier mit neunjähriger Laufzeit und 30 Prozent Zinsen gekauft hätten. Da konnten sie nicht ,Nein' sagen!"

"Alles, was wir darüber hinaus erwirtschaften, gehört uns. Würden wir weniger verdienen, müssten wir aus eigener Tasche nachlegen. Das klingt verrückt, ist es aber nicht. In Österreich können wir elf Prozent vom Jahresumsatz als Gewinn rechnen. In China sind es 40 Prozent, weil die Personalkosten so gering sind. Da geht die Überlegung auf!"

Reinhard Linder, der noch Anfang '93 keine Ahnung vom Eismachen hatte, hat sich mit Herz und Seele in das Geschäft hineingekniet. Er spricht mittlerweile dank seiner chinesischen Frau beinahe fließend die Landessprache und pflegt nicht zuletzt dadurch ein sehr gutes Verhältnis zu seinen durchwegs chinesischen Angestellten. Sein zweites Standbein, den Kampfsport Karate (Lindner kämpfte sechs Jahre im österreichischen Nationalteam und hat viermal den Europacup gewonnen), musste er allerdings bis auf weiteres an den Nagel hängen. Keine Zeit.

Foto
Picture by T. Micke

Das Unternehmen Harrer macht in Hangzhou nach nur einem Jahr Gewinne, obwohl es anfangs gar nicht danach aussah: "Wir dachten, man würde uns hier die Füße für unser tolles Eis küssen. Tatsächlich mussten wir erst einmal erklären, warum unser Eis so besonders ist. In China kennt man bislang fast nur Wassereis. Weiches, cremiges Milcheis war in Hangzhou neu und gewöhnungsbedürftig. Auch die in Europa liebgewonnene Sitte, mit Freundin oder Bekannten ‚auf ein Eis zu gehen', mussten wir hier neu erfinden. China ist ein Land mit eigenen Bräuchen. All diese Dinge muss ein Europäer, der hier Fuß fassen will, erst verstehen lernen."

Aber mittlerweile wissen die Hangzhou-Chinesen, was Bananen-Split ist, wie gut Harrers selbstgemachte Waffeln schmecken und dass Apfelstrudel mit Eis eine Spezialität des Hauses ist.

Und Toni Hauer denkt bereits an Expansion: Meine zweite Filiale im Zentrum der Stadt ist in Planung, wir müssen nur noch jemanden finden, der sie leiten kann."

In die nicht allzu weit entfernte Metropole Shanghai wollen die Eismacher noch nicht vordringen: "Die Stadt ist derzeit ein Hexenkessel. Die Konkurrenz prügelt sich. Die Mietpreise sind astronomisch hoch. Viele Kleinunternehmen werden förmlich zerquetscht. In ein paar Jahren wird sich das beruhigt haben. Bis dahin sind wir China-Profis. Dann kommt Harrer-Eis auch nach Shanghai!"

Auf Skeptiker, die den mutigen Kurs der kleinen Eisfirma kritisieren, reagiert Reinhard Lindner mit Kopfschütteln: "Also, wenn wir nach all den Problemen, die wir bis jetzt gelöst haben, immer noch scheitern sollten, dann sollt' ma lieber wieder heimgehen. Dann mach' ich in Wiesen einen Würstelstand auf!"


< Lesen Sie in Teil II dieser Serie: Kapitalismus in China – Inseln des freien Marktes

© Eine Reportage von T. Micke (20-08-95) – Kontakt