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CERN: Steirerin als "Herrin der Ringe"?

Eine österreichische Physikerin könnte demnächst Chefin über das berühmteste Forschungslabor der Welt werden. Bei CERN in der Schweiz geht demnächst die größte Maschine der Welt in Betrieb. Wir waren mit Wissenschaftsminister Hahn vor Ort, um uns das gigantische Projekt anzusehen.



Lowtech neben Hightech: Der Teilchenbeschleunigertunnel von CERN und ein Wartungstelefon
Picture by T. Micke

Friedlich grasende Kühe, dazwischen Weizenfelder mit roten Mohn-Tupfen: Beim Lokalaugenschein an der schweizerisch-französischen Grenze bei Genf herrscht Landidylle pur. Und selbst die Grenzbeamten schauen nur gelangweilt in den Firmenbus mit der Aufschrift CERN, statt bei den EU-einreisenden Insassen die Pässe zu kontrollieren. Die CERN-Gebäude selbst sind (wie auch zu Beginn von Dan Browns Bestseller-Thriller Illuminati beschrieben) großteils unscheinbare ältere Kästen aus den 60ern des vorigen Jahrhunderts. Wenn man nicht wüsste, dass hier Weltbild verändernde physikalische Experimente stattfinden, könnte man (z. B. bei der Außenstation CMS) meinen, man stehe vor einer Konservenfabrik.

Wissenschaftsminister Hahn mit Österreichs Grande Dame der Physik Felicitas Pauss in CERN/Genf
Picture by T. Micke

Nichts deutet darauf hin, dass hier 100 Meter unter der Erde gerade die größte Maschine aller Zeiten zusammengebaut wird: Der Teilchenbeschleuniger LHC – die neueste und mit Abstand längste von drei ringförmigen Rennstrecken für subatomare Teilchen, die hier seit 1959 betrieben werden, um den Geheimnissen unseres Universums auf die Spur zu kommen. 27 Kilometer lang ist der Vakuum-Tunnel, durch den in ein paar Monaten Wasserstoff-Kerne mit nahezu Lichtgeschwindigkeit schießen werden, um in Tausende Tonnen schweren Detektoren nach einer Frontal-Kollision in einen Splitterregen zu zerbersten. 1232 zusammengeschaltete Cryo-Dipol-Magnete, jeder von ihnen so lang wie ein Lkw, halten die in entgegengesetzte Richtungen rasenden Atomkerne auf ihrem Rundkurs.

Während oberirdisch im Schweizerischen Jura die Kühe wie in Zeitlupe zwischen Gänseblümchen und Löwenzahn dahintapsen, gilt es unterirdisch das so genannte Higgs-Boson zu entdecken – ein winziges, aber für die Physiker zur Erklärung der Welt umso gewichtigeres Teilchen, das man aufgrund von mathematischen Berechnungen vermutet, aber es bis jetzt nicht nachweisen kann. Mit dieser Maschine (die natürlich auch für andere Forschungszwecke genutzt werden wird) soll das gelingen.

Uraltes Logo für das Kontrollzentrum des einzigartigen Teilchenbeschleunigers LHC
Picture by T. Micke

Auch Österreich beteiligt sich seit Jahren an CERNs Projekten und ermöglicht zusätzlich jedes Jahr zehn Doktoranden ein Hightech-Stipendium am Genfer Institut, was der Ausbildung an einer technischen Elite-Uni gleichkommt.

Unglaublich aber wahr: Der sagenhafte Global Trigger des LHC in CERN ist ein unscheinbares Computerklastl mit einem billigen Aufkleber
Picture by T. Micke

Während sich österreichische Ingenieure mit Know-how vom Wiener U-Bahn-Bau für den Tunnel des neuen Teilchenbeschleunigers durch das Jura-Gestein gruben, lieferten Forschungseinrichtungen von Innsbruck bis Wien entscheidende Technik: Zum Beispiel müssen im 12.500 Tonnen schweren CMS-Detektor bei sagenhaften 40 Millionen Proton-Kollisionen pro Sekunde riesige Datenmengen gefiltert werden. Nach dem Motto "Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen" haben Mitarbeiter des Wiener Uni-Institut für Hochenergiephysik ein Gerät entwickelt, das aus dieser Unzahl an Messungen jene ca. 150 (pro Sekunde!) herausfischt, die für die Forscher interessant sind. Dieser so genannte Global Trigger ist somit eigentlich der Torwächter für alle Entdeckungen, die mit dem LHC in den nächsten Jahren gemacht werden.

Neben solchen Entwicklungserfolgen made in Austria hat Österreichs Forschung aber dieser Tage noch mehr Grund zum Feiern: Die Steirische Physikerin und Mathematikerin Prof. Dr. Felicitas Pauss – selbst jahrelang leitende Mitarbeiterin bei CERN – könnte im Herbst zur neuen Chefin des internationalen Forschungszentrums gewählt werden. Wissenschaftsminister Dr. Hahn ließ sich anlässlich ihrer Kandidatur persönlich von Dr. Pauss durch die CERN-Anlagen führen und war tief beeindruckt: Hier wurde ja als Nebenprodukt der Forschung auch das Internet erfunden, ohne das unser Leben heutzutage fast undenkbar wäre. Für mich hat dieses erstaunliche Projekt aber sogar etwas beinahe Philosophisches: "Man baut hier die größte Maschine der Menschheit, um mit ungeheurem Aufwand die allerkleinsten Teilchen zu finden, aus denen wir gemacht sind."


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© Eine Reportage von T. Micke (01-07-07) – Kontakt