Die Nachlese

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

ARCHIV INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Burj, der Narren-Turm

Zwischen 1200 und 12.000 Euro kostet eine Nacht im angeblich einzigen "7-Sterne-Hotel" der Welt in Dubai. Aber der arabische Traumtempel hält nicht, was er verspricht. Ein Wochenende im Möchtegern-Märchenschloss macht hauptsächlich arm und philosophisch: Ein Narr, wer versucht, Glück mit Geld zu kaufen. Auch sieben Sterne machen eben noch keinen Himmel auf Erden. Wir haben im Burj testweise übernachtet.



Burj al Arab mit Sandstrand in Dubai
Picture by T. Micke

Das einzige 7-Sterne-Hotel der Welt wurde in Dubai eröffnet!", plapperten vor Jahren die Medien rund um den Globus eine Presseaussendung nach, obwohl jeder Hotelier weiß, dass es bis jetzt noch nicht einmal Richtlinien für eine 6- oder 7-Sterne-Kategorie gibt.

Wie wenn diese Phantasie-Bewertung nicht genügen würde, protzte das Management des "Burj al Arab" (zu Deutsch: arabischer Turm) seither noch in goldenen Lettern auf sämtlichen Werbeprospekten und Präsentationsvideos mit dem Spruch: "Eine Welt jenseits aller Vorstellungskraft..."

Versace-Goldarmaturen in Suite im Burj al Arab
Picture by T. Micke

Jenseits aller Vorstellungskraft??? – Mit was für einer Erwartungshaltung soll da ein Hotelgast die Empfangshalle betreten? Ist dieses Hotel etwa nicht von dieser Welt? Göttlich? Himmlisch? Astronomisch?

Astronomisch sind zumindest die Preise: 1200 Euro für das billigste Zimmer (eine Suite mit 170 Quadratmetern), etwas über 12.000 Euro für die Royal Suite mit 780 Quadratmetern. Und wer sich die zugegebenermaßen wirklich beeindruckende Innen- und Außenarchitektur des "Burj al Arab" nur einmal aus der Nähe anschauen will, muss schon an der Zufahrtsschranke gut 35 Euro pro Kopf liegen lassen.

Jenseits aller Vorstellungskraft in einem anderen Sinn also eher unglaublich schlecht, ist zum Beispiel der Wellness-Bereich im 18. Stock des futuristischen Prachtbaus. Diesen und viele andere Bereiche des arabischen Turms konnten wir im Rahmen einer Übernachtung in einer der zweistöckigen Suiten ausprobieren und testen.

Blick hinunter in die Lobby aus oberstem Stock im Burj al Arab
Picture by T. Micke

200 Suiten, aber ein Innenpool, der schon mit fünf Personen überfüllt wirkt. Gleich nebenan eine (zum Zeitpunkt unseres Besuchs) schlecht gewartete Sauna mit (nach nur einem Jahr!) fleckigen, beinahe verschimmelt aussehenden Pritschen und teils abgeschlagenen Kleiderhaken für die Bademäntel. Kein Angestellter, der einen Aufguss macht, auch keine Aufguss-Öle für die Selbstbedienung. Und: Kein Ruheraum. Nur zwei unbequeme Designer-Liegen am Schwimmbecken-Rand. Man würde nicht erwarten, dass Araber die Auskenner in Sachen Wellness sind, aber bei einem internationalen (7 Sterne...)Hotel dürfte man das schon.

Wer die Entspannung lieber draußen sucht, hat's nicht viel leichter: Denn der Wind weht aufgrund der exponierten Lage des Hotels – oft so heftig, dass man die Sonnenschirme nicht aufspannen kann ohne mit ihnen davon zu fliegen.

Bett mit Meerblick in Suite im Burj al Arab (Dubai)
Picture by T. Micke

Ungefähr auf Höhe des fünften Stocks sorgen außerdem zwei mannshohe Ventilationsschächte für lautstarkes "Meeresrauschen". Und auch der Außenpool ist für mehr als zehn Schwimmzüge zu klein (dafür gibt's einen Lifeguard a la Baywatch). Ins Meer kann man vom "Burj" aus gar nicht erst. Dazu muss man sich via Golfbuggy zum Nachbarhotel bringen lassen. Aber Vorsicht: Am eingezäunten Strand des "Jumeirah Beach Hotels" kann man leicht über Kabelstränge im Sand stolpern, die zu den elektrisch beleuchteten Palmen führen, und der beinahe unvermeidliche Blick vom Liegestuhl auf die Zufahrtsbrücke des "Burj al Arab" weckt heimelige Erinnerungen an Donauinsel und Südosttangente.

Verrückte Farbwahl beim Anstreichen der Stockwerke im Burj al Arab (Dubai)
Picture by T. Micke

Dass man sich beim Cocktail an der Poolbar und beim dortigen Frühstücksbuffet mit Plastikbechern begnügen muss und ein Teil der schlecht leserlichen Knöpfe in den Aufzügen weit unter Hüfthöhe angebracht ist, wirkt da beinahe nebensächlich, obwohl man sich doch sehr an Standard-All-Inclusive-Hotels in der Turkei erinnert fühlt.

Peinlich dagegen, wenn man im Willkommensbrief des europäischen Hotelmanagers, in den Prospekten sowie auf den Beschriftungsschildern des Buffets über Tipp- oder Grammatikfehler stolpert. Und auch von den obligaten Zimmerbutlern kann man in dieser Preisklasse eigentlich erwarten, dass sie einwandfrei und vor allem verständlich Englisch sprechen (was bei unserer Testübernachtung auch nicht der Fall war). Und da tröstet dann auch nicht, dass die Wasserhähne mit echtem Gold beschichtet sind und Versace für das protzig-bunte Hotel-Styling verantwortlich zeichnet.

Kettenhemd aus 24 Karat Gold beim Juwelier im Burj al Arab
Picture by T. Micke

Dass ein solcher, zwar sehr guter, aber bei weitem nicht perfekter Hotelbetrieb mit dem Hauch des Einzigartigen so weltberühmt wird, erinnert ein wenig an Hans Christian Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider":

Wer etwas glauben will, der glaubt es gern. Und wer in einem der teuersten und spektakulärsten Hotels der Welt eine Nacht verbracht hat, täte seiner Eitelkeit einen schlechten Dienst, wenn er daheim vor den Neidern auch noch über Schönheitsfehler jammern würde. Schließlich ist doch entscheidend, dass man es sich geleistet hat. Glücksgefühl all inklusiv. – Oder vielleicht doch nicht?


< Zurück zu Reise/Abenteuer

© Eine Reportage von T. Micke (17-12-00) – Kontakt