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Bolivien-Hilfe: Schutzengel von San Ignacio

Eine Österreicherin hilft seit vielen Jahren in einer der ärmsten Dschungel-Regionen Südamerikas behinderten Kindern. Irmgard Prestel feiert im April ihren 80. Geburtstag. Uns zeigte sie ihr Lebenswerk in Bolivien.



Dorf-Idylle mit Cola-Werbung in San Ignacio/Bolivien
Picture by T. Micke

Die Kanäle von Santa Cruz, der Handelsmetropole im Tiefland von Bolivien, sind voll. Seit Stunden rinnt kein Wasser mehr ab, sind die Straßen mit einer roten Brühe überschwemmt, und es regnet noch immer wie aus geöffneten Schleusen. Die Leute am Busbahnhof warten, dicht an dicht gedrängt, geduldig unter einem riesigen Wellblech-Vordach. Natürlich ist jetzt keines der verbeulten Uralt-Taxis zu bekommen, die neben den rostigen Linienbussen das Verkehrsrückgrat der Stadt bilden. Es ist Regenzeit. So normal in Ostboliviens sommerlichem Jänner wie bei uns zur selben Zeit der winterliche Schnee. Es ist normal, dass dann auch die Busverbindung nach La Paz zusammenbricht, weil die Straßen nicht überall den reißenden Bächen standhalten. Es ist normal, dass die Busfahrt von Santa Cruz in die rund 400 Kilometer entfernte ehemalige Jesuiten-Gemeinde San Ignacio de Velasco zwölf Stunden dauert. Fast normal ist, dass die Fahrt in der Regenzeit 16 Stunden dauert. Denn die Hälfte der Strecke besteht aus einer leuchtend karminroten Dschungel-Sandpiste, die bei Feuchtigkeit so schmierig wird, dass man an vielen Stellen Schrittgeschwindigkeit fahren muss.

Aber die Leute sind dankbar für diese recht verlässliche Verbindung mit der großen Flota. Noch vor ein paar Jahren gab es nur die klapprigen Mikrobusse, und noch in den 80er und 90er Jahren, so erzählt uns die ehemalige Linzer Sozialarbeiterin Irmgard Prestel zur Beruhigung, als wir in San Ignacio aus dem Bus aussteigen, gab es nur einen Dschungelpfad durch die schlangenreichen Sumpf-Ausläufer des Pantanal, auf dem man sogar mit den damals üblichen Lasteseln Schwierigkeiten hatte. Für die Anreise zu Land musste man eine Woche einrechnen, und nur ein zweimotoriger Dschungelflieger verband San Ignacio direkt mit der Außenwelt.

Kinder mit körperlichen Behinderungen haben es in den Urwalddörfern um San Ignacio in Bolivien nicht leicht
Picture by T. Micke

Diese Unzugänglichkeit der Indio-Region (ein Gebiet, halb so groß wie Österreich) im Grenzland zu Brasilien ist es, die Irmgard Prestel, die hier seit mehr als 50 Jahren lebt und arbeitet, ihr Projekt für behinderte Kinder so schwierig macht: "Wenn die Kinder nur 20 Kilometer weit von San Ignacio weg wohnen, haben sie keine Chance, täglich zu uns in die Schule und in die Therapie zu kommen." Trotzdem betreut die Österreicherin, die im April ihren 80. Geburtstag feiert, von Ruhestand nichts wissen will und von Therapeutinnen wie auch von Schützlingen gleichermaßen "Mutti" genannt wird, mehr als 250 behinderte Kinder.

Möglich macht das vor allem die österreichische Hilfsorganisation Licht für die Welt, über die Irmgard Prestel sagt: "Wenn es diese Unterstützung nicht gäbe, dann müssten wir zusperren!" Sprecher Gabriel Müller: "Bolivien ist das ärmste Land Südamerikas, und mit großer Armut treten immer vermehrt Behinderungen auf. Das beginnt schon bei der Geburt der Kinder, weil sich die wenigsten eine professionelle Betreuung leisten können. Die Folgen sind oft geistige Behinderungen, aber auch körperliche Probleme. Konsequente Therapie könnte viele der Betroffenen als vollwertige Mitglieder zurück in die Gesellschaft einbinden. Viele dieser Kinder werden aber nicht einmal entdeckt, weil sie als Schande des Dorfes oder als zu schwere Belastung für die hart arbeitenden Eltern in dunklen Hinterzimmern vor sich hin vegetieren."

Von dieser Urwald-Siedlung im Osten Boliviens muss man drei Stunden bis zur nächsten Straße gehen
Picture by T. Micke

Die neunjährige Mercedes ist so ein Fall. Im Kleinkindalter wurde ihr das rechte Bein unterhalb des Knies amputiert, das linke bildete einen sogenannten Klumpfuß aus. Zudem warf der Ehemann die Mutter mit ihren sieben Kindern vor die Tür. Irmgard Prestel: "Das Mädchen war die ersten dreieinhalb Jahre ihres Lebens eingesperrt. Sie sprach nicht, und sie lachte nicht. Als wir sie fanden, fragte ich sie, was sie denn am liebsten wolle. Und sie sagte laut und deutlich ,Andar!' ,Gehen!' Mercedes kommt jetzt seit sechs Jahren zu uns. Zum Glück wohnt sie in der Nähe. Ihr linker Fuß wurde operiert. Und mit einer Prothese, die wir regelmäßig anpassen müssen, kann sie laufen und spielen, fast wie die anderen Kinder. Sie bekommt von uns Nachhilfe, damit sie in der Schule besser wird."

Bei Luis, der nahe der Indio-Siedlung San Juan mitten im Urwald zur Welt kam, war und ist die Betreuung deutlich schwieriger. Beide Füße waren so verkrüppelt, dass der Bub auf den Außenristen dahinbalancierte (siehe Foto rechts). Ein paar Jahre später hätte er sich wegen seines Gewichts nur noch auf allen vieren fortbewegen können. Die Eltern des heute 12-Jährigen nahmen alle Mühen auf sich, um ihrem Sohn ein besseres Leben zu ermöglichen. Irmgard Prestel: "Wenn Physiotherapie oder eine von mehreren Operationen in Santa Cruz anstand, starteten beide um drei Uhr Früh mit dem Buben im Stockdunkeln von zuhause, überließen den kleinen Hof den anderen Kindern und Nachbarn und trugen Luis stundenlang teilweise bis zur Brust im Wasser bis zur Hauptstraße, wo der Bus sie nach San Ignacio mitnahm. Wenn er nicht schon voll war..."

Weil die Anreisebedingungen für Luis und sehr viele andere Kinder so schwierig sind, organisierte die Österreicherin, die zuvor in San Ignacio eine Mädchenschule aufgebaut und geleitet hatte, Pflegeeltern vor Ort, die bereit sind, gegen ein kleines Entgeld die behinderten Kinder bei sich aufzunehmen. So können sie jeden Tag zur Physiotherapie. "Mutti" Prestel: "Selbst eine arme Pflegefamilie ist besser als das beste Internat. Die Kinder sind mehr in den Alltagsprozess eingebunden, und sie entwickeln sich viel selbständiger."

Während die eigentlich seit 19 Jahren pensionierte Schulleiterin langsam die Hofübergabe an ihren in Bolivien geborenen Sohn Jorge und ihre besten zwei Mitarbeiterinnen vorbereitet, soll das jüngste Projekt den betroffenen Familien in den allermeisten Fällen Kleinbauern an der Existenzgrenze zu einem Nebenverdienst verhelfen: Mit einem Imkerset und einer Schulung in San Ignacio sollen die therapierten Jugendlichen Bienen züchten und eigenen Honig gewinnen lernen, der dann auf der Plaza verkauft wird und zum Lebensunterhalt beiträgt.

Die Österreicherin Irmgard Prestel baute im Osten Boliviens ein Hilfsprojekt für behinderte Kinder auf
Picture by T. Micke

Diese Art von Hilfe zur Selbsthilfe ist Irmgard Prestel besonders wichtig: So werden auch ehemalige behinderte Schülerinnen weiter zu Therapeutinnen ausgebildet und helfen in Projekten mit: Leticia konnte anfangs selbst nicht einmal laufen, heute bringt sie den Mädchen Nähen und Schneidern bei. Und die stumme sowie hörbehinderte Eva Maria leitet die hausinterne kleine Stoffdruckerei, in der unter anderem handbemalte Tischdecken entstehen.

Da das Therapiezentrum in San Ignacio das einzige seiner Art im weiten Umkreis ist, nimmt sich das kleine engagierte Team um die Linzerin aller Arten von körperlichen und geistigen Behinderungen an. In manchen Fällen – wie beim 15-jährigen Asencio, der an Zerebralparese und Epilepsie leidet – bleiben die Erfolge auch bescheiden. Immerhin erleichtert ein spezieller, geländetauglicher Rollstuhl es den Eltern mit ihrem Buben unterwegs zu sein.

Irmgard Prestel: "Wir tun in jedem einzelnen Fall, was wir können. Manchmal kann man den Menschen ein normales Leben zurückgeben. Manchmal aber auch ,nur ein bisschen mehr Lebensfreude schenken."

Die Förderung eines behinderten Kindes in diesem Hilfsprojekt in Bolivien kostet durchschnittlich 25 Euro im Monat. Spenden bitte auf das Konto von "Licht für die Welt" (PSK 92.011.650; BLZ 60000), Kennwort "Bolivien".


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© Eine Reportage von T. Micke (10-02-08) – Kontakt