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Boeing 787 "Dreamliner": Fließband-Flieger in der Weltrekord-Halle

Jede Minute sind gleichzeitig Tausende Jets rund um den Globus in der Luft. Und die Zukunft der Luftfahrt wird noch schneller, besser und eindrucksvoller. Ein Besuch in den sagenhaften Hallen des US-Flugzeugherstellers Boeing, wo gerade die Produktion des neuen 787 Dreamliner Langstrecken-Flugzeugs angelaufen ist.



Die Außenhaut des Boeing 787 Dreamliners ist komplett aus Kohlefaser-Verbundwerkstoff hergestellt
Picture by T. Micke

Den größten Passagierjet der Welt baut bekanntlich seit kurzem nicht mehr der Flugzeug-Riese Boeing mit seiner legendären 747, sondern Airbus mit dem gigantischen A380. Einen Weltrekord wird Europa der einst vom Holzfäller William Boeing gegründeten Firma trotzdem nicht abringen: Vor den Toren der Technik-Metropole Seattle im Nordwesten der USA steht mit einem Volumen von 13,3 Millionen Kubikmetern und einer Fläche von fast 40 Hektar das größte Gebäude der Welt: die Boeing-Fabrik von Everett.

Wenn man erst einmal die peniblen Sicherheitskontrollen hinter sich hat, die seit den Selbstmordanschlägen von New York herrschen, kennt das Staunen keine Grenzen mehr: Ein Heer von Liliput-Menschen schwirrt um eingerüstete Goliath-Maschinen, die sich großteils mit fünf Metern pro Minute auf dem Fließband bewegen. Ein psychologischer Trick, denn wenn irgendwo Schwierigkeiten auftauchen, haben die Teams nach einem strengen Regelwerk 2 x 15 Minuten Zeit, mit ihren Schichtleitern, die aus luftiger Höhe die Vorgänge beobachten, das Problem zu lösen. Wenn nicht, wird die gesamte Produktion unterbrochen, was den Mechanikern ordentlich Druck auferlegt.

Selbst die mächtigen 747-Jumbos, die hier neben der 767 und der 777 (auch für Österreichs Lauda Air) gebaut werden, sehen aneinander gereiht vom Hallendach betrachtet fast wie Spielzeug-Flieger aus, obwohl ihre Schwanzspitze sechs Stockwerke hoch in 20 Meter Höhe ragt. Darüber transportieren 28 Riesenkräne bis zu 40 Tonnen Last vom einen Ende der Halle ans andere: Eine Fabrik der Superlative, in der 24 Stunden am Tag bei voller Auslastung gleichzeitig 67 Maschinen mit bis zu sechs Millionen Einzelteilen in drei bis vier Monaten Bauzeit zu technischen Wunderwerken zusammengesetzt werden. – Und man macht gerade ein bisschen Platz, damit die Produktion des Dreamliners, Boeings neuesten Langstreckenflugzeugs mit der Bezeichnung 787, auch noch untergebracht werden kann.

Das Leitwerk einer 777 vor der größten Halle der Welt der Firma Boeing in Everett
Picture by T. Micke

Dieser neue Flieger ist der Grund, weshalb Boeing den ersten Einsätzen des europäischen Superjumbos A380 gelassen entgegensieht. Denn die Amerikaner sind der Meinung, dass in Zukunft nicht Mega-Flughäfen wie in Singapur, Hongkong, New York, London oder Frankfurt das große Geschäft versprechen. Man setzt auf die vielen neuen kleineren, deren kürzere Landepisten für solche schweren Riesen ungeeignet sind. Laut Boeing wird man in Zukunft quasi direkt von St. Pölten nach Woodstock fliegen können, statt zweimal gestresst, übermüdet und verspätet auf überfüllten, so genannten Super-Hubs umzusteigen.

Der Dreamliner, von dem einer rund 125 Millionen Dollar kostet, soll als Traum-Luftschiff des 21. Jahrhunderts Boeing wieder zur Nummer eins am Himmel machen. Denn die 787 wird der erste Passagierjet sein, dessen gesamter Rumpf aus hochstabiler, superleichter Kohlefaser gesponnen ist. Stolz zeigt Projektsprecher Andrew Magill der Krone am 787-Prototyp, wie die tonnenschwere schwarze Mega-Röhre sich um eine riesige Spindel dreht und Schicht um Schicht des Wunderwerkstoffs aufgetragen wird: "Wir haben mit unserer Tochterfirma ,Phantom Works ein Verfahren entwickelt, dass die neue Verbund-Bauweise nicht teurer macht als die bisherige." So entsteht ein Monocoque aus einem Stück – wie in der Formel eins die Fahrerzellen – das nachher im Spezialofen gebacken wird und die Haltbarkeit der neuen Jets von bisher 30 bis 40 Jahren auf 70 bis 80 hinaufschrauben soll.

In der Passagierkabine des Boeing 787 Dreamliner können Sonnenaufgang und Sonnenuntergang simuliert werden
Picture by The Boeing Company

Einer für die Passagiere offensichtlicher Vorteil der neuen Bauweise: Die Außenhülle des Dreamliners ist dadurch so viel steifer als jene normaler Alu-Rümpfe, dass die Fenster deutlich größer gemacht werden können. Auch kann während des Fluges die Luftfeuchtigkeit zugunsten der Reisenden in der Kabine deutlich angehoben werden, weil das freigesetzte Wasser der Kohlefaser gegenüber Aluminium nur wenig anhaben kann. Andrew Magill: "Auf normalen Langstreckenflügen in circa 10.000 Meter Höhe herrscht in der Kabine üblicherweise ein künstlicher Luftdruck, der dem auf einem Berggipfel in 2400 Metern entspricht. Das bereitet vielen Passagieren Atemnot und Kopfschmerzen und erschwert auch das Schlafen. Im ,Dreamliner' können wir den Luftdruck so erhöhen, dass er nur noch wie in einer Meereshöhe von 1800 Metern ist. Aus heutiger Sicht wird die 787 also ein fliegendes Traumschiff, das sogar in der Lage sein wird, Sonnenaufgang und Abenddämmerung durch die Beleuchtung in der Maschine zu simulieren, damit sich die Fluggäste leichter an die Tageszeit am Ankunftsort anpassen können."

Auch Österreich ist maßgeblich an dieser Revolution im Flugzeugbau beteiligt. Die Firma FACC (Fischer Advanced Composite Components) mit Sitz in Ried (OÖ) baut als Spezialist schon seit vielen Jahren Leichtbauteile aus Kohlenstoff für die Luftfahrt. Österreichische Technik wird sogar die Turbinen der 787 noch leiser machen. Und auch im neuen Riesenairbus A380 und in der Boeing 777 ist reichlich Hightech made in Austria zu finden.

Eine 747 in Bau in den riesigen Weltrekord-Fabrikshalle von Boeing in Everett bei Seattle
Picture by T. Micke

Verbund-Bauteile, wie sie beim Dreamliner (ca. 50 Prozent) erstmals in so großen Mengen eingesetzt werden, sind allerdings auch nicht ganz leicht wiederzuverwerten und konnten bisher nur in Anwendungen wie schusssichere Westen recycelt werden. Aber auch hier haben die Experten bereits Wege gefunden, die in den nächsten Jahren bis zur Auslieferung des ersten Dreamliners 2008 noch verbesserbar sind. Und bis tatsächlich die erste 787 verschrottet werden muss, soll es ja noch weitere 70 Jahre dauern...


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© Eine Reportage von T. Micke (28-05-06) – Kontakt