Die Nachlese

Eine 4-teilige Serie über die Geschichte des Brauens

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Die Impotenz der Bier-Studenten

Die Studenten entwickelten bei ihren Saufgelagen mit der Zeit eine eigene Bierspräche, Bierlieder und Bierspiele.



Betrunkene Studenten im Hofbräuhaus in München
T. Micke

"Du edler Gerstensaft kannst mir Vergnügen geben. Komm, angefülltes Glas, du bringst mir tausendfache Lust. Du tröstest mein Gemüt und milderst meinen Frust. So sauf' ich denn, dass Lung' und Leber krachet, bis dass zuletzt die Schwindsucht mir das Konto machet..."

Ein wenig selbstkritisch beschreibt dieser Student sein lasterhaft-lustiges Tagwerk, festgehalten für die biertrinkende Nachwelt in einem Kupferstich aus dem Jahr 1764 (Text gekürzt).

Wenn etwas so große Tradition hat wie das Bier, die Bierbrauer und die Biertrinker, dann ranken sich im Laufe der Jahrhunderte eine Menge lustiger Ideen, Bräuche und G'schichterln darum.

In einem Beitrag zu einer Bierausstellung in Linz beschreibt Erwin Richter die komischen, manchmal auch bitterernsten Trinkbräuche der Studenten im Mittelalter.

Die angehenden Gelehrten liebten ihr Bier so sehr, dass sie ihm eine Sprache widmeten, Gelagen und feuchtfröhlichen Zusammenkünften strikt verwendet wurde.

So hatte jeder anwesende Student eine Bierehre, die er im Laufe des Abends erfolgreich verteidigen musste, indem er in ausreichender Menge "commentfähigen Stoff" (also Bier) zu sich nahm. Ohne Bierehre mussten zum Beispiel ein "Bierimpotenzler" auskommen. Denn ein Student konnte wegen Trunkenheit und daraus resultierenden schlechten Verhaltens vom Präsidium einer Kneipe für bierimpotent erklärt werden. Ließ er sich mehr zuschulden kommen, dann wurde er vors Biergericht (mit drei Bierrichtern) gestellt und zu einer Bierstrafe verurteilt. Eine solche Strafe war zum Beispiel fällig, wenn jemand "seine Blume verrosten ließ", also sein Bier nicht innerhalb von fünf Bierminuten (= drei Normalminuten) austrank. Dann kam es zum "Stangenabfassen": Der Inhalt des "beleidigten" Glases wurde von den Vorsitzenden des Präsidiums zur Wiedergutmachung einfach weggetrunken.

Während dieser Kneipensitzungen der Studenten wurden Lieder gesungen, humoristische Vorträge gehalten und "Spiele" veranstaltet. Mitglieder konnten dazu ausgewählt werden, heitere Beiträge vorzubereiten und vor versammelter Runde in Form einer Bierzeitung zu verlesen. Lieferte jemand spontan einen Witz, so nannte man das einen Bierulk. Voraussetzung dafür war allerdings, dass derjenige immer genug "Stoff" im Glas hatte.

Veranstaltete eine Kneipenrunde Bierspiele, so endete dies meist damit, dass sämtliche Teilnehmer voll-trunken unterm Tisch lagen. Eines dieser Spiele war zum Beispiel das beliebte Papstspiel: Auf dem Tisch wurde ein Stück Holz gedreht. Derjenige, auf den es zeigte, wenn es liegen blieb, musste eine Maß Bier trinken und wurde in der Folge durch sämtliche Militär- und Adelstitel über den Kaiser und weiter über vier Kardinalswürden zum Bierpapst ernannt – ein damals ehrenvoller wenn auch "stoffgetränkter" Titel.

So komisch diese Bräuche klingen mögen, die Studenten nahmen sie ernst. Denn das "Comment" regelte unter anderem auch das Zusammenleben der Studiosi untereinander. So entstand 1899 sogar ein gesetzesähnliches Buch, das "Allgemeine Deutsche Bier-Comment". Paragraph 39 des "ADBC" bestimmte: "Commentgemäßer Kneipstoff ist streng genommen nur das Bier. Mit Erlaubnis des Präsidiums und bei Angabe gewichtiger Gründe darf auch Wein getrunken werden."

Anfang des 20. Jahrhunderts lockerten sich die Bedingungen der Studentenkorporationen, die es auch heute noch in abgeänderter Form gibt. Wichtigste Neuerung: der bedingungslose Trinkzwang wurde abgeschafft, womit auch der Alkoholismus unter den Mitgliedern erheblich gebremst werden konnte.

Einer dieser ehemaligen Alkoholiker soll, einer mündlichen Überlieferung nach, einige Jahrzehnte später ein unheimliches Treiben in einem kleinen Ort nördlich von Salzburg erlebt haben.

Der mittlerweile zum Rechtsanwalt "herangereifte" Ex-Student fuhr auf dem Weg zu einem Mandanten durch Obertrum am Trumersee. Er hatte es ziemlich eilig und befuhr die Hauptstraße mit recht beachtlicher Geschwindigkeit. Auf Höhe des Braugasthofs Sigl, kurz vor einer langgezogenen Linkskurve, erschrak er furchtbar. Da hatte sich nämlich eine kleine Menschengruppe versammelt und zapfte, wie selbstverständlich, jeder mit einem Krügel in der Hand, lachend Bier aus dem dortigen Ortsbrunnen.

Der arme Jurist, der seit seiner Studentenzeit keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt hatte, glaubte an eine krankhafte Haluzination und starrte im Vorbeirasen wie gebannt, statt auf die Straße, der fröhlich trinkenden Gesellschaft nach. Dabei verfehlte er die vor ihm liegende Häuserecke nur um wenige Zentimeter.

Als er eine knappe Stunde später auf dem Rückweg wieder an dem Brunnen vorbeikam, war der Spuk vorbei. Aus dem Brunnen floss – wie er sofort ausprobieren musste – reines Wasser! Seither leidet der Rechtsanwalt angeblich an einem Trauma. Eine alte Ortsbewohnerin behauptete, den Mann des Nachts im Mondschein einmal mit einem Glas an den Brunnen heranschleichen gesehen zu haben. Er hätte das Gefäß mit Wasser gefüllt und dann, wie bittere Medizin, mit zittrigen Händen in einem Zug ausgetrunken. Ob die Geschichte tatsächlich wahr ist, konnte trotz ausführlicher Recherchen in der Brauerei Obertrum nicht festgestellt werden. Es stimmt allerdings, dass Josef Sigl vor einigen Jahren tatsächlich eine Bierleitung zum Ortsbrunnen bauen ließ, die er zu festlichen Anlässen und für größere Reisegruppen manchmal im Sommer öffnet.


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© Eine Reportage von T. Micke (12-08-92) – Kontakt