Die Nachlese

Eine 4-teilige Serie über die Geschichte des Brauens

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Bier gegen Skorpione und Würmer

Was der Gerstensaft medizinisch kann, wie er früher verwendet wurde und wie der Körper darauf reagiert.



Wer kann am längsten? Pinkelpause auf dem Oktoberfest in München
T. Micke

Seit Jahrtausenden schüttet der Mensch literweise Bier in sich hinein. Folge-Erscheinungen des übermäßigen Konsums sind angeblich Bierbäuche, Biernasen, Bieraugen, Bierarme und ähnliche "Missbildungen", von denen eigentlich niemand so genau weiß, woran man sie erkennt. Da dringt sich eine Frage auf: Ist Bier überhaupt gesund?

Stammtisch-Genossen beschäftigt diese Frage ähnlich oft, wie philosophische Diskussionen über die Sterblichkeit des. Menschen. Ein schwedischer Wunderheiler versuchte nach einem Bericht aus dem Jahr 1408, auf ziemlich radikale Weise beide Rätsel auf einmal zu lösen – und scheiterte kläglich:

Ein Mann war durch ein Missgeschick ausgerutscht und in den Fluss gestürzt. Hilfreiche Mitbürger konnten den Nichtschwimmer mit vereinten Kräften aus den reißenden Fluten zerren. Doch die Retter kamen zu spät. Der Mann rührte sich nicht mehr. Ein herbeigeeilter Wunderarzt wollte es genau wissen. Er flößte seinem Patienten warmes Bier ein. Als die erwartete Wiedererweckung vor den Augen der gaffenden Dorfbewohner nicht eintraf, suchte der Meisterdoktor, der unfreiwillig Sterbehilfe geleistet hatte, das Weite.

Trotz dieses tragischen Zwischenfalls hielten sieh die negativen Auswirkungen von Bier auf die Gesundheit des Menschen in den folgenden Jahrhunderten in Grenzen. Ganz im Gegenteil, es stellte sich heraus, dass Bier offenbar gesund ist. Denn es enthält jede Menge Spurenelemente, viele Vitamine und Mineralstoffe. Und trotzdem, wer behauptet, Bier aus gesundheitlichen Gründen zu trinken, wird auf höhnisches Gelächter in seiner Umgebung stoßen.

Die Ärzte haben bereits vor Jahrtausenden mehr gewusst. Es begann schon bei den Sumerern vor 4000 Jahren. Bier War fester Bestandteil ärztlicher Rezepte – so ließen sich bittere Kräuter und trockene Pulver leichter schlucken. Umgekehrt ging's auch: Bier, das so schlecht schmeckte, dass es nicht "zum Saufen" war, verwendeten die Ärzte, um bei Vergiftungen Erbrechen herbeizuführen.

Die Ägypter verwendeten Bier für Einläufe, als Anti-Wurmmittel, bei Magenschmerzen, Verstopfungen, gegen Hautunreinheiten, auch damals schon zum Haarewaschen und – besonders interessant – zusammen mit einem "Zauberkraut" gegen Skorpionbisse.

Die Römer, altbekannte "Bierhasser", lehnten das Getränk auch auf medizinischer Ebene ab. Sie meinten, "Bier verursache Elephanthiasis" (Hautverdickungen) – und sprachen damit möglicherweise auf die beängstigend dicken Bäuche mancher "Barbaren" an.

"Bier macht dick!" behaupten auch heutzutage viele Menschen. dass man vom übermäßigen Saufen einen Bierbauch bekommt, ist allerdings nur indirekt richtig. Das Hopfen-Wasser-Malz-Getränk regt den Appetit an und macht Hunger. Man isst eben gern etwas Gutes zum Bier oder umgekehrt. dass am Bäuchlein das Bier schuld sein muss, ist eher eine Ausrede, denn in einem Liter Bier (rund 438 Kilokalorien) sind etwa soviel Kohlehydrate wie in 150 Gramm Brot und deutlich weniger als in der gleichen Menge Weißwein (ca. 640 Kilokalorien).

Bier muss man übrigens nicht immer nur zum Essen trinken. Auch in den Speisen selbst ist der Gerstensaft eine würzige Bereicherung. Davon zeugen schon die alten Hausrezepte unzähliger Urgroßmütter, von wo sich die klassische Biersuppe (Rindsuppe, geschlagene Eier, Bier) und der deftige Schweinebraten in Biersauce oder mit Bierschaum bis in die nobelsten Küchentempel der Welt durchgesprochen haben.

Nicht nur vor Tausenden Jahren experimentierten Ärzte und Wissenschafter mit Bier, auch heute noch kommen Mediziner zu erstaunlichen Ergebnissen.

Ein Langzeittest bei 7700 älteren Menschen, auf der Hawaii-Insel Oahu von Dr. Abraham Kagan ergab, dass "Biertrinker, und die meisten der beobachteten Senioren gehörten diesem Kreis an, die besten Chancen haben, von einem Herzinfarkt verschont zu bleiben" (Dr. Kagan).

Der Pariser Arzt Professor Gulpin kam nach wissenschaftlichen Untersuchungen zu dem Schluss, dass Bier, vor allem nach sportlichen Leistungen, die Sauerstoffaufnahme in der Lunge verbessert und der erschöpfte Körper sich viel schneller regeneriert.

Im Gegensatz zu Wein regt Bier übrigens die Leber an und hilft, den mitgelieferten Alkohol besser abzubauen. Statistiken haben ergeben, dass die Anzahl der Lebererkrankungen in absoluten Weingegenden (z.B. Burgenland) deutlich höher ist als in Biertrinkerregionen (z.B. Tirol, Salzburg).

Vitaminmangel durch schlechte Ernährung kann das Heilen von Verletzungen und Krankheiten erheblich bremsen. Vitaminreiches Bier wird von vielen Ärzten daher empfohlen. Bei Nierenerkrankungen ist Bier sogar schon seit langem fixer Bestandteil der Diätprogramme.

Die Wirkung des Getränkes muss im Mittelalter manchmal wirklich "Wunder gewirkt" haben. Nicht anders ist es zu erklären, dass man auch versuchte, Bier gegen die Pest einzusetzen.

Wer weiß, vielleicht ist Bier der Werkstoff, das Lebenselixier der Zukunft, ohne dass wir es bisher geahnt hätten. Ein Kunsthandwerker, der lange vor unserer Zeit gelebt hat, legte jedenfalls den Grundstein dazu. Er fand heraus, dass sich Elfenbein viel leichter schnitzen lässt, wenn man es zuvor reichlich in Bier eingeweicht hat.

Genial! – Oder, wie so oft, vielleicht doch nur ein Zufall, bei dem Hathor, die ägyptische Göttin der Trunkenheit, ihre zittrigen Finger im Spiel hatte?


< Lesen Sie in Teil IV dieser Serie: Die Impotenz der Bier-Stundenten

© Eine Reportage von T. Micke (11-08-92) – Kontakt