Die Nachlese

Eine 4-teilige Serie über die Geschichte des Brauens

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Das Bier der Pharaonen

Das erste Reinheitsgebot der Welt setzte sich in Babylon durch: "Wer Bier panscht, wird ertränkt!"



Blondine beim Bierausschank
T. Micke

"Iss dies Brot und trink das Bier, wie es im Lande Brauch ist, sagte die Dirne zu Enkidu, der mit den Tieren in der Steppe lebte. Enkidu aß, bis er satt war, er trank Bier, sieben Krüge voll. Da entspannte sich sein Inneres und er ward heiter. Er wusch sich den zottigen Leib, salbte sich mit Öl – und wurde zum Menschen."

Was nun wirklich auslösend für die "Menschwerdung" von Enkidu im Gilgamesch-Epos um etwa 2500 Jahre vor Christus war (das viele Bier oder die Dirne) mag jeder für sich selbst entscheiden. Wesentlich für alle "Bierologen", ob Bauer, Brauer oder Trinker, ist jedenfalls, dass sich in diesem Werk, außer einigen noch älteren "Braurezepten" in Keilschrift, der erste Hinweis auf die Existenz des unsterblichen, goldgelben Trunkes fand.

Seit der Mensch vor etwa 15.000 Jahren aufhörte umherzuziehen, sich niederließ und begann, das Land zu bebauen, waren die Voraussetzungen zur "Erfindung" des Biers geschaffen. Denn Gerste war schon damals eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel. Irgendein neugieriger Bauer muss einmal den Saft gekostet haben, der bei "verdorbenem" Brotteig durch Gärung entstand – eine leicht milchige Flüssigkeit mit ungewöhnlichem, recht angenehmem Geschmack und alkoholischen Nachwirkungen...

Wer nun wann und wo das Bier erfunden hat, lässt sich nicht mehr genau sagen. Seine Entdeckung war aber anscheinend ähnlich bedeutend und unvermeidbar für die Entwicklung der Menschheit wie die Erfindung des Rades. Denn beide Ideen tauchten in völlig verschiedenen Kulturen unabhängig voneinander gleichzeitig auf. – Eine historische Notwendigkeit also, auf die die Welt nur gewartet zu haben schien.

Schon der babylonische König Hamurabi setzte in seinem riesigen Reich mit wirklich überzeugenden Methoden das erste "Reinheitsgebot" der Welt durch: "Wer Bier panscht, verdünnt oder zu überhöhten Preisen verkauft, soll durch Ersäufen bestraft werden", überliefen eine zeitgenössische Schrift.

Die Ägypter erkoren Bier zu ihrem Nationalgetränk. Es war fester Bestandteil der Nahrung jedes Arbeiters – wie auch heute noch auf vielen Baustellen – während Wein eher den Reichen vorbehalten blieb. Bier stand an erster Stelle auf den Opferlisten für Götter, die ja, wie die Menschen, gelegentlich Saufgelage veranstalteten. Archäologen fanden sogar in den Pyramiden Reste des Getränkes. Wie es geschmeckt haben mag, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, mit Sicherheit aber völlig anders als heute. Getrunken wurde es so, wie "die Engländer zum Entsetzen der Mitteleuropäer ihr "Ale" lieben: mit wenig Kohlensäure und "wohltemperiert" bis lauwarm. Kohlensäurehältig war das ägyptische Bier wohl nicht. Denn der Gerstensaft wurde trinkfertig in Tonflaschen gefüllt und lediglich mit einem Lehmpfropfen verschlossen.

Tacitus, ein römischer Geschichtsschreiber, vermerkte schon zu seiner Zeit die berüchtigte Trinkfestigkeit der Germanen und wunderte sich, "welch ungeheure Mengen Bier sie imstande zu saufen sind".

Bei den Griechen und Römern waren Gersten- und Weizensaft übrigens eher verpönt und den "primitiven Provinzvölkern" zugeschrieben (Kaiser Julian: "Dieses gallische Getränk stinkt nach Bock!"). Die Gallier hingegen liebten ihr Weizenbier (cervesia), das durch Beimischung von etwas Honig noch schmackhafter wurde.

Statt Gerste oder Weizen wurden in den verschiedenen Kulturen auch, andere Getreidesorten und Früchte zum Bierbrauen verwendet.

Jahrelang stritten sich Experten, ob der chinesische "Reiswein" (japanisch: Sake) zu den Bieren zu rechnen ist oder nicht.. Es dürfte sich dabei um einen historischen Fehler handeln: Die Chinesen unterschieden nämlich im Wortgebrauch nicht zwischen Wein und Bier. Sie hatten nur ein Wort für Alkohol. Und während im Europa des Mittelalters das Bier kohlensäurehältig war, wirkte das Reisgetränk auf die durch China reisenden Mönche eher wie Wein, weil es nicht "prickelte".

Marco Polo schrieb dazu: "Sie trinken eine Flüssigkeit, welche sie brauen aus Reis und hervorragenden Gewürzen, und zwar in der Weise, dass dies ein besserer Trunk wird als irgendeine andere Art von Wein. Er ist nicht nur gut, klar und wohlgefällig, sondern berauscht auch mehr als jeder andere Wein."

Tatsächlich handelt es sich bei diesem "Wein" um Bier. Der Unterschied besteht darin, dass Wein von selbst zu gären beginnt, während Bier (auch "Reiswein") erst durch Zugabe von "Pilzen" gärt.

Ein Zeitsprung nach Wien im 15. Jahrhundert: Seit Herzog Rudolph IV. im Jahr 1365 die Wiener Universität gründete, ist mit den Studenten in gewisser Weise die Bildung in die schöne Stadt eingezogen – in gewisser Weise auch nicht. Denn die Studenten frönten besonders gern dem Genuss von Bier – auch wohl, weil es billig war – und taten dies, wie vieles was Studenten taten, nicht gerade zurückhaltend.

So berichtete ein Historiker im Jahr 1450, dass die Wiener Studenten "lediglich dem Vergnügen nachstellten" und sich dabei neben anderen Lastern bevorzugt durch hemmungslosen "Suff" belustigten. Dies uferte offenbar dermaßen aus, dass eine Notverordnung erlassen werden musste: Wirtshäuser durften nur so lange Bier ausschenken, bis "bey St. Stephan das Pyrglöckerl (Bierglöckerl) läuthete".

Was bei der Wiener Bevölkerung für Ärgernis und zum Teil recht handgreifliche Auseinandersetzungen sorgte, hatte (angeblich) auch seine guten Seiten. Wenn die Studenten in heiterer Runde ihrer liebsten Nebenbeschäftigung, dem Trinken, nachgingen, wurde in allgemeiner Diskussion so manch kluger Gedanke geboren. Unbestätigten Gerüchten zufolge soll ein paar Jahrhunderte später dem jungen Handelsreisenden Nikolaus Otto bei einem studentischen Besäufnis in Köln die zündende Idee für seinen legendären Verbrennungsmotor in den Sinn gekommen sein. Der ursprünglich geplante Treibstoff dafür: Alkohol...


< Lesen Sie in Teil II dieser Serie: Sprengstoff im Bier

© Eine Reportage von T. Micke (09-08-92) – Kontakt