Die Nachlese

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

ARCHIV INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Die blinden Kinder des Himalaya

Hart ist das Leben in totaler Dunkelheit für Tausende blinde Kinder im kleinen Himalaya-Königreich Bhutan. Und doch gibt es einen Lichtstreif am Horizont, den Österreichs Christoffel-Blindenmission jetzt ermöglicht hat.



Blinde Kinder beim Morgengebet in der Schule von Khaling, Bhutan
Picture by T. Micke

Es ist ein wunderschönes Fleckchen Erde, ein in allen Frühlingsfarben blühendes Tal, das sich endlich, nach dem allerletzten Pass und mehr als 20 Stunden Serpentinenfahrt auf einer schwindelerregenden Bergstraße zwischen 300 und 3750 Meter Seehöhe, zu unseren Füßen öffnet. Die Ortschaft Khaling liegt ganz im Osten des Himalaya-Königreichs Bhutan. Und wenn der kleine Staat an sich schon für Besucher schwer zugänglich ist, weil König Wangchuk der westlichen Trekking-Manie im Himalaya-Gebiet mit Misstrauen gegenübersteht, dann verschlägt es in diesen abgelegenen Winkel des Landes an der indisch-tibetischen Grenze wirklich nur alle heiligen Zeiten einen ausländischen Touristen.

Jeden Morgen um punkt acht versammeln sich Ugyen Dorji und seine rund 40 Mitschüler zum Morgengebet vor der gelborangen Landesfahne mit dem Symbol des Donnerdrachen. Die Schönheit ihrer Heimat und die Frühlingsfarben des späten April kennen die meisten dieser Kinder nicht. Nur Ugyens achtjähriger Freund Rinchin hat die schneebedeckten heiligen Berge noch in Erinnerung. Zwei Jahre ist jener schicksalhafte Tag her, an dem ihn sein Vater, ein Instrumentenbauer, in den Schuppen schickte, um eine Flasche mit Chemikalien zu holen. Auf dem Rückweg war Rinchin gestolpert und so unglücklich gestürzt, dass ihm die ätzende Flüssigkeit das Augenlicht nahm.

Tempel in Thimphu, Bhutan
Picture by T. Micke

Hier in Khaling auf einem kleinen Areal am Rande der örtlichen Volksschule läuft mit Unterstützung der UNICEF und Österreichs "Licht für die Welt" (vormals Christoffel-Blindenmission) ein erstes Projekt, mit dessen Hilfe blinde und behinderte Kinder auf ein selbständiges Leben und die Integration in die Gesellschaft vorbereitet werden sollen. Echte Pioniersarbeit in diesem wunderschönen, aber sehr armen Land, in dem es bis jetzt keine Infrastruktur für die (geschätzt) rund 10.000 Blinden gibt. Dabei wird den wenigen Lehrern wie auch den Schülern in Khaling sehr viel Teamarbeit und Improvisationstalent abverlangt: Wer zumindest ein wenig sehen kann oder eine körperliche Behinderung hat, führt jeweils einen blinden Mitschüler über das holprige Gelände vom Schlafsaal ins Klassenzimmer oder zum Mittagessen und zurück oder hilft ihm, sich an den weißen Taststock zu gewöhnen, mit dem erst seit dem Engagement der Blindenmission vor ein paar Monaten fachgerecht geübt werden kann.

Umgekehrt helfen etwa die sehbehinderten Buben ihrem Zimmergenossen Dorji, der sich nach einem schweren Autounfall nur noch mit Krücken bewegen kann, beim Büchertragen und Bett machen.

Gebetsfahnen auf einem Gebirgspass in Bhutan
Picture by T. Micke

"Es gibt da eine schöne Fabel bei uns in Bhutan", erzählt der 35-jährige Schulleiter Karma Tshering. "Sie handelt von einem Elefanten, einem Affen, einem Hasen und einem Fasan, die beschließen, gemeinsam einen Mangobaum zu pflanzen. Der Fasan sucht und findet den Samen, der Hase bewässert den jungen Spross, der Affe düngt ihn und der Elefant bewacht ihn. Als der Baum erstmals trägt, ist er so schön und groß gewachsen, dass die Tiere abermals nur gemeinsam im Team an die süßen Früchte gelangen können. – Auch unsere kleine Schule kann mit so begrenzten Mitteln nur nach diesem Prinzip funktionieren. Wenn jeder, die Lehrer wie die Schüler, aber auch die hilfsbereiten Menschen in Österreich, die unser Projekt unterstützen, das beitragen, was in ihrer Macht steht."

Neben der blindengerechten Ausbildung der Lehrer ist eines der dringlichsten Projekte des Christoffel-Engagements, die Schultexte in der Landessprache Dzongkha in Blindenschrift zu übersetzen. Eine kleine Druckerei für Braille-Bücher wird gerade gebaut. Außerdem soll die alte, windschiefe Holzofen-Küche der Schule so renoviert werden, dass auch die blinden Schüler dort Kochen lernen können, um sich später einmal selbst zu versorgen.

Kinder lernen Braille-Schrift in einer Schule in Bhutan
Picture by T. Micke

Wie sehr das Schicksal der behinderten Buben und Mädchen in Bhutan von Zufall und Glück abhängt, zeigt die Geschichte des 12-jährigen Mädchens Norbu, die einer Nomadenfamilie hoch in den Bergen über Khaling angehört. Zufällig entdeckte einer der Lehrer im Dorf das stark sehbehinderte Mädchen, als die Hirten-Familie auf dem Wochenmarkt Käse und Milch verkaufte. Er überredete die Eltern zu dem für bhutanische Verhältnisse sehr ungewöhnlichen Schulprojekt. Norbu wurde anfangs für völlig blind gehalten und lernte daher Braille-Schrift. Erst nach einer Untersuchung durch "Licht für die Welt" stellte sich heraus, dass das Mädchen mit Hilfe einer speziellen Brille "normal" Lesen und Schreiben lernen kann. Eine Chance, von der Tausende sehbehinderte Kinder im Himalaya-Königreich Bhutan bis jetzt nur träumen können.

Das Spendenkonto von Licht für die Welt/Christoffel-Blindenmission: PSK 92.011.650

< Zurück zu Reise/Abenteuer

© Eine Reportage von T. Micke (05-05-02) – Kontakt