Die Nachlese

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

ARCHIV INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Stichwort

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Slum im Paradies: Urlaubers Angst vor der Armut

Auf der einen Seite des Zauns Touristen mit Kameras, Uhren und Schmuck. Auf der anderen Seite Kinder, die barfuß um ein paar Münzen die Hand aufhalten. Bettler im Ferienparadies? Für Urlauber oft ein Schock, für viele Veranstalter ein Tabu-Thema. Ein paar Tipps, wie Sie am besten damit umgehen.



Jumeirah Beach Hotel Dubai
Picture by T. Micke

Ein ganzes Jahr lang hat man auf diesen Urlaub gespart. Ist abends nicht mehr ausgegangen, hat im Winter auf das neue paar Ski verzichtet, der Kosten wegen sogar das Rauchen sein lassen. Endlich für drei Wochen dem mieselsüchtigen Wetter in Europa entfliehen, die ausgebrannten Batterien wieder laden. Erholung total ist jetzt angesagt. Abschalten, nur der Brandung lauschen, sich treiben lassen. "13 Monate Sonne garantiert" – hieß es vollmundig im Prospekt der Fluglinie, und auf dem Foto setzte die Silhouette eines Jumbojets im Sonnenuntergang zur Landung im Paradies an.

Aber schon auf dem Flughafen wartet nach zehnstündiger, ermüdender Anreise die selbstverschuldete Psychofalle: Während Sie versuchen, im Gewühl der konkurrierenden Chauffeure und Taxifahrer das richtige Begrüßungsschild in der Hand der Reiseagenten zu entdecken und gleichzeitig die Kontrolle über das Gepäck nicht zu verlieren, zupft plötzlich jemand von unten am Zipfel ihres Safarihemdes. Es ist ein junger Mann, der sich in einer Orangenkiste auf Rädern unbemerkt herangerobbt hat. Er streckt beide Hände nach oben, lächelt hoffnungsvoll. Ihm fehlen beide Beine...

Was jetzt? An Ort und Stelle alles fallen lassen, um in der Menschenmenge für jeden sichtbar nach Geld zu kramen, um dann draufzukommen, dass sie eh nur österreichische große Scheine dabei haben? Oder den behinderten Mann eiskalt ignorieren und einfach weitergehen?

Viel deutlicher kann man sich als Reisender kaum auf dem falschen Fuß erwischen lassen. Und trotzdem passiert es in der einen oder anderen Form jährlich Hunderttausenden Urlaubern. Weil keiner gern darüber redet. Die Reiseveranstalter nicht, weil es nicht gut fürs Geschäft ist. Die heimgekehrten Nachbarn und Freunde nicht, weil sie ihre Erfahrungen lieber verdrängen. Und letztlich ist es auch jedermanns persönliche Entscheidung, wie er in dem Moment handelt.

Dr. Stephan Rudas, Leiter des Psychosozialen Instituts in Wien: "Das wichtigste ist, dass man sich schon vor einer solchen Reise genau überlegt hat, wie man reagieren will, damit man dann in der Situation nicht unbedacht Dinge tut, über die man sich später nur ärgert." Wenn ein Tourist unvermutet einem Bettler begegnet, dann sind laut Dr. Rudas die häufigsten drei Reaktionen:

  • Schock – Der Reisende ist wie gelähmt, distanziert sich so schnell es geht von der erlebten Situation und hat nachher oft ein schlechtes Gewissen.
  • Zorn – Der Reisende ärgert sich über die Umstände, das System, durch das so was möglich ist und wird manchmal sogar gegen die Betroffenen aggressiv. Die Situation tut ihm nachher so leid, dass der Urlaub verdorben ist.
  • Mitgefühl – Der Reisende lässt sich von dem Bild leiten, das er erlebt, ist betroffen, gerührt und handelt nach Gefühl.

Zwei arme Kinder in Lalibela, Äthiopien
Picture by Picture by T. Micke

Wenn man sich – wie bereits erwähnt am besten vorher dazu entschlossen hat zu helfen, dann sollte man auch gut überlegen wie. Eine einfache Methode ist, daheim vor oder nach dem Urlaub bei einer vertrauenswürdigen karitativen Organisation zu spenden. Auch wenn nicht jeder Groschen direkt die Bedürftigen erreicht, so kommt der Großteil doch langfristig sinnvollen Projekten zugute, wie etwa dem Bau einer Schule, die Kindern ermöglicht, später Arbeit zu finden. So können viele Menschen für sich das schlechte Gewissen im Urlaubsland vermeiden. Und man bekommt auch nicht das schlechte Gefühl, eine "Bettelindustrie" zu unterstützen. Denn in manchen Regionen ist es wirklich so, dass die Menschen bettelnd mehr Geld verdienen können als durch Arbeit.

Der Urlauber, der sich jedoch entschließt, die Menschen vor Ort persönlich zu beschenken, sollte ein paar Regeln beherzigen:

  1. Die Höhe des Geldbetrages am besten vorher bestimmen und von der Urlaubskasse trennen.
  2. Das Geld rechtzeitig in Landeswährung wechseln und Kleingeld griffbereit von den großen Scheinen getrennt aufbewahren.
  3. Informieren Sie sich über die Kaufkraft der Währung. In vielen Entwicklungsländern sind bereits zwanzig oder dreißig Cent umgerechnet so viel Wert wie ein ganzer Laib Brot.
  4. Achten Sie darauf, dass Sie sich mit ihrem Geschenk nicht selbst in Gefahr bringen. Wenn Sie nicht genug für alle anwesenden Bittsteller haben, lassen Sie es lieber bleiben. Eine drängende Menschenmenge kann auch unvermutet aggressiv werden.
  5. Geben Sie, wenn irgendwie möglich, kein Bargeld:

    Es ist zwar bisweilen nicht zu vermeiden, aber trotzdem ist es keine gute Idee, speziell Kindern Bargeld in die Hand zu drücken, nur um das eigene Gewissen zu beruhigen. Eltern oder auch die Anführer organisierter Bettelbanden schicken zudem gern die Kleinsten vor und nehmen ihnen dann die "Beute" an der nächsten Straßenecke ab.

    Mädchen in äthiopischem Dorf
    Picture by T. Micke

    Eine der bewährtesten Lösungen: Kaufen Sie auf dem heimischen Markt Lebensmittel ein. Ein Sack Orangen oder Mangos sorgt beim Obsthändler für Geschäft und macht gleich ein Dutzend hungriger Kinder glücklich. Zuckerl oder Schokolade sind zwar überall beliebt, aber für den Magen nicht ungefährlich, weil in manchen Regionen Kinder diese Dinge nicht wie bei uns gewohnt sind.

    Jeder Erwachsene freut sich hingegen über Kaffee oder Tee als Gastgeschenk. Die Tatsache, dass man sich offenbar Gedanken gemacht hat, schafft persönliche Nähe, selbst wenn man sich nicht mit Worten verständigen kann.

    Feuerzeuge, Taschenspiegel und Kugelschreiber (für Schulkinder) sind gute Mitbringsel besonders in abgelegenen Gebieten. Man sollte sich aber keine Illusionen darüber machen, dass solche Dinge oft gleich wieder weiterverkauft werden. In manchen Fällen sogar direkt an die nächsten Touristen.

    Dazu gibt es das amüsante Erlebnis eines Urlaubers, der auf einer Reise nach Nord-Thailand seine Sofortbildkamera dabei hatte, um den dort sehr einfach lebenden Langhals-Frauen ein Foto von ihnen selbst zu schenken. Großes Staunen und Begeisterung erntete er von den Einheimischen, als das "Spiegelbild" nach ein paar Sekunden tatsächlich auf dem "Zauberpapier" erschien. Als er fünf Minuten später kurz noch einmal das Dorf betrat, weil er seine Wasserflasche vergessen hatte, bot man gerade anderen Urlaubern besagtes Foto zusammen mit anderen Souvenirs zum Kauf an...

Noch ein kleiner Tipp, wenn Sie Spenden und Geschenke ablehnen, dennoch im Ernstfall nicht mit leeren Händen dastehen wollen: Stecken Sie daheim eine Handvoll Euro-Cent-Münzen ein. Ein Geldstück aus einem fernen, exotischen Land wie Österreich ist ein Glücksbringer über den man sich immer freut. Wenn es dann noch gelingt, das Zwei-Cent-Edelweiß auf der Rückseite für eine kurze Erklärung über das "Land der Berge" zu nützen, haben Sie nicht nur auf' sehr diplomatische Art die Situation von der einseitigen Bettelei in ein Gespräch verwandelt, sondern wahrscheinlich auch eine kleine Freundschaft geschlossen.


< Zurück zu Abenteuer/Reise

© Eine Reportage von T. Micke (15-07-01) – Kontakt