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Bernstein: Gefangen im goldenen Sarg

In St. Petersburg ist das legendäre Bernsteinzimmer wieder zu sehen. Doch die "Göttertränen" aus Baumharz sind für Forscher auch ein Fenster in die Welt vor 50 Millionen Jahren.



Fliegen beim Sex in Bernstein eingeschlossen
Picture by Weitschat/Pfeil Verlag München

Es muss damals, vor 50 Millionen Jahren, ein wirklich schöner Moment für die beiden gewesen sein: Liebestrunken im Doppelpack durch die warme, tropische Urwaldluft Mitteleuropas schwirrend, ein wenig unkontrolliert wohl, mehr torkelnd als fliegend, und dann dieses Missgeschick: Patsch! Gelandet in einem großen goldenen Tropfen Harz von einem dieser mächtigen Nadelbäume. Eine sichere Todesfalle für das Fliegenpärchen aus dem Mesozoikum, aber zugleich, fast schon romantisch, ein Ticket in die Ewigkeit: für immer vereint im Augenblick größten Glücks im goldenen Bernstein-Sarg...

Seit das weltberühmte (bis heute verschollene) Bernsteinzimmer des Katharinenpalastes in St. Petersburg in mühevoller Kleinarbeit rekonstruiert wurde und seit heuer wieder Besucherscharen in die russische Ostsee-Metropole lockt, ist Bernstein, der im Laufe seiner Geschichte nicht nur zu Schmuck verarbeitet wurde, wieder in aller Munde. Heute werden die, oft als "Göttertränen" oder "Gold des Nordens" bezeichneten, versteinerten Harzklumpen sogar in der alternativen Medizin verwendet. Eine Idee mit kurioser Vorgeschichte: Im Mittelalter hängten sich Ärzte Bernsteinstücke als Schutz gegen die Pest um...

Was aber nur die wenigsten wissen: Das fossile Baumharz und die von ihm vor vielen Millionen Jahren durch Zufall eingeschlossenen Kleintiere und Pflanzen bieten Wissenschaftern einzigartige Einblicke ins Tertiär, in eine Zeit, in der Halbaffen und kleine Urpferde die Wälder Nord- und Mitteleuropas bewohnten, die Vorfahren unserer heutigen Kühe auf den Wiesen grasten und in der sich der Kontinent Australien gerade von der damals noch eisfreien Antarktis löste.

Prof. Norbert Vavra, Paläontologe an der Universität Wien
Picture by T. Micke

"Ist das nicht erstaunlich? Diese Tiere sehen noch immer so aus, als ob sie mitten in der Bewegung erstarrt wären", begeistert sich Dr. Norbert Vavra, Uni-Professor am paläontologischen Institut in Wien bei der Begutachtung einer seltenen 50 Millionen Jahre alten Gottesanbeterin unter dem Mikroskop: "Bernstein ist ein wirklich einzigartiges Konservierungsmittel der Natur. Einzigartig, weil durch den schnellen Luftabschluss und den guten Schutz vor Druck durch Erde und Gestein sogar Bruchstücke des Erbguts, der DNA, nach so langer Zeit erhalten bleiben können!" Einzigartig auch, weil die Experten bis heute nicht genau wissen, warum diese spezielle Verbindung aus so einfachen Zutaten wie Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und einem Hauch Schwefel, Blüten, Blätter, Käfer, Bienen, Spinnen und sogar kleine Moos-Skorpione und Geckos nicht zerfallen lässt.

Springspinne in Bernstein eingeschlossen
Picture by Weitschat/Pfeil Verlag München

Der Hamburger Professor Dr. Wolfgang Weitschat, weltweit einer der größten Bernstein-Experten und Co-Autor des Atlas der Pflanzen und Tiere im Baltischen Bernstein (Pfeil Verlag, ISBN 3-931516-94-6): "Es mag auf den ersten Blick ein bisschen enttäuschen, dass wir vom Bernstein so wenig über die großen Tiere von damals erfahren und dass offenbar vor 50 Millionen Jahren, als die Erde noch so ganz anders aussah, schon dieselben Insekten wie heute durch Europa krabbelten und flogen. Trotzdem, anhand der vielen Funde, die sich wie ein Puzzle zusammenfügen lassen, kann man sogar viele Verhaltensweisen der Tiere ableiten: Etwa, dass die Ameisen von vor 50 Millionen Jahren schon damals ihre Eier durch die Gegend schleppten und sich Blattläuse zum ,Melken' hielten. Das wissen wir, weil wir Ameisen, in Bernstein ,eingefroren', mitten in ihrer Arbeit gefunden haben. Oder Flöhe, quasi im Sprung: eingeschlossen mit einem Büschel Haare irgendeines im Harz kleben gebliebenen Ur-Viehs. Unter dem Mikroskop ist das ein goldenes Fenster in die Vergangenheit, wie ein 50 Millionen Jahre altes Bernstein-Foto."

120 Millionen Jahre alter Mosquito in Bernstein
Picture by Norbert Vavra

Am Beginn des Buches "Jurassic Park" ließ Science-Fiction-Autor Michael Crichton seiner Phantasie freien Lauf, indem er Forscher in Tonnen von Bernstein aus der von Sauriern beherrschten Kreidezeit vor 120 Millionen Jahren nach Blutsaugern wie Gelsen oder Zecken suchen ließ. Die Idee: Dinosaurier oder andere exotische Ur-Einwohner wären natürlich nie in einem Harzklumpen ums Leben gekommen und so konserviert worden. Aber das von den Insekten gesaugte Blut müsse von T-Rex und Co. stammen, und man könnte die Urzeit-Monster ja mit Hilfe des aus dem Blut gewonnenen Erbguts klonen.

Was in der Spielberg-Verfilmung in einem spektakulären Urzeitmonster-Massaker mündet, scheint zumindest in der Theorie möglich. Prof. Weitschat: "US-Forscher haben schon zweimal versucht, aus Kreidezeit-Bernstein Erbgut-Bruchstücke zu extrahieren. Das Problem dabei ist, dieser uralte Bernstein aus der Saurier-Epoche hat mit der Zeit schon zu viel Druck und Temperatur abbekommen. Keine DNA hält das aus. Der nur 50 Millionen Jahre alte Bernstein aus dem Baltischen Raum wäre dafür sehr viel besser geeignet. Bloß gabs da keine Saurier mehr. Und außerdem hat leider noch niemand tatsächlich eine mit Blut voll gesaugte Zecke oder Gelse im Bernstein gefunden. Die wäre dann wirklich sehr viel Geld wert!"


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© Eine Reportage von T. Micke (11-05-03) – Kontakt