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Naturmedikamente: Lust auf Käfer?

Ölkäfer wirken wie Viagra, Marienkäfer helfen gegen Zahnschmerzen und Kardinalkäfer könnten sogar Leben retten. Medizinische Goldsuche im Reich der Krabbeltiere.



Prachtkäfer als Hausmittel gegen Magenverstimmung
Picture by Roland Lupoli

Allein beim Gedanken, einen Käfer zu verspeisen, kommt den meisten Menschen hierzulande schon das Grausen. Anders ist auch kaum zu erklären, wie man mit einer "Mutprobe" à la Daniel Küblböck, der sich in einem Glascontainer von Hunderten Küchenschaben bekrabbeln ließ, die TV-Einschaltquoten steigern kann.

Auch im alten China hätte man darauf mit Unverständnis reagiert, aber aus anderen Gründen. Dort wurden und werden nicht nur diverse Arten von Insekten als proteinreiche Delikatessen verspeist, sondern man nahm auch getrocknete Schaben gegen Magenverstimmung zu sich und sprach ihnen fiebersenkende Wirkung zu.

"Da gibt es heutzutage Besseres", rät Käfer-Experte Prof. Konrad Dettner von der Uni Bayreuth schmunzelnd vom Kakerlaken-Knabbern ab: "Gerade Schaben tragen viele Bakterien in sich, die man nicht unbedingt essen sollte. Fiebersenkend? Das kann ich mir nicht wirklich vorstellen. Aber wer weiß: Es gibt unzählige Insekten, die noch unerforschte Substanzen produzieren, viele davon sind so kompliziert, dass der Mensch sie nicht kopieren kann. Und einige Käfer wirken tatsächlich wie Medizin..."

Wie zum Beispiel Marienkäfer, die früher, ebenfalls in China, als Hausmittel gegen Zahnschmerzen gekaut wurden wie hierzulande Gewürznelken. Dr. Dettner: "Marienkäfer enthalten sehr viele Alkaloide. Das wirkt betäubend und schmerzstillend."

Auch in Europa wurden früher Käfer-Hausmittel verwendet. Prachtkäfer (siehe Bild) gegen Magenverstimmungen zum Beispiel. Einen leicht nussigen Geschmack sollen getrocknete Ölkäfer haben, die im Mittelalter statt Viagra eingenommen wurden. Das in ihnen enthaltene Reizgift Cantharidin wirkt in kleinen Mengen erregend und machte die so genannte "Spanische Fliege" zum begehrten Sexkäfer. Würde es allerdings zu diesem krabbelnden Stärkungsmittel, das auch gegen Warzen wirkte, einen Beipacktext geben, wäre dort unter "Gegenanzeigen" zu lesen: "Achtung, Überdosierung kann nicht nur zu dauerhafter Erektion, sondern auch zu schmerzhaftem, plötzlichem Tod führen..."

Erst seit zirka fünf Jahren befassen sich Forschungslabors wieder ernsthaft mit Insekten als Quelle für Medikamente. "Was eigentlich völlig unverständlich ist", findet der französische Entomologe Dr. Roland Lupoli im Interview, der sich bei der Pharma-Firma "Entomed" in der Nähe von Strassburg ausschließlich mit Käfern und ihren chemischen Geheimwaffen beschäftigt.

Lupoli: "59 Prozent aller Lebewesen auf der Erde sind Insekten. In den verbleibenden 41 Prozent sind nicht nur alle anderen Tierarten enthalten, sondern auch alle Pflanzenarten (16 Prozent), von denen wir so viele Heilmittel kennen. Und nachdem Insekten seit 500 Millionen Jahren die Erde bevölkern, hatten sie im Laufe der Evolution viel mehr Zeit als wir Menschen, um Biochemikalien zu entwickeln und auszuprobieren. Da liegt es doch nahe, sich diese wertvollen Winzlinge einmal genauer anzusehen, oder?"

Morphofalter in Costa Rica. Er stellt ein Protein gegen Pilzbefall her
Picture by T. Micke

1200 Käferarten aus aller Herren Länder (von insgesamt 400.000 bekannten Arten weltweit!) werden bei Entomed derzeit untersucht. Darunter sind Leuchtkäfer, aus denen sich neue Mittel gegen Herzerkrankungen gewinnen ließen, und eine Mistkäferart, die möglicherweise neue Antibiotika liefern kann. Aber auch so schöne Insekten wie der hochgiftige Monarch-Schmetterling – er kann vielleicht ebenfalls etwas gegen menschliche Herzschwächen tun – und der blau schillernde Morpho-Falter (siehe Foto) aus Brasilien, der ein Protein gegen Pilzbefall herstellt, stehen unter Beobachtung.

Die Fahndungsliste der Käferforscher führt allerdings eine wenig hübsche, aber umso begehrtere Dame an: Das Weibchen des Kardinalkäfers stattet seine Eier zum Schutz vor Räubern ebenfalls mit dem "Sex-Gift" Cantharidin aus. Forscher hoffen, dass daraus vielleicht ein Mittel gegen Krebstumore entwickelt werden kann.

Warum man in den Chemie-Labors von BASF, Bayer, Schering, Pfizer und Co. seit den 80er Jahren davon abkam, auf der Suche nach neuer Medizin "auf gut Glück" künstlich Biomoleküle zu erzeugen und nun lieber wieder im Millionen Jahre bewährten Chemielabor der Natur herumspioniert? Dr. Lupoli: "Es gibt Millionen verschiedener Moleküle in der Natur. Und schon ein eher kleines Molekül wie das von Aspirin lässt sich mit ein und denselben vier Zutaten wieder auf Millionen Arten variieren. Und jedes Mal können sich die Eigenschaften ändern, was dann auch neu ausgetestet werden muss. Dann schon lieber statt dieser Nadel im Heuhaufen Leuchtkäfer im Unterholz suchen..."


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© Eine Reportage von T. Micke (06-06-04) – Kontakt