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Basejumping mit Felix Baumgartner: Vertrauen in Gott und Fallschirm

Ein Salzburger Automechaniker lebt vom illegalen "Basejumping". In Rio stürzte sich Felix Baumgartner nun von der berühmten Jesus-Statue.



Felix Baumgartner auf dem Corcovado am Fuß der Jesus-Statue
Picture by Red Bull

"Vielleicht", dachte Felix Baumgartner, als er sich wieder einmal nachts auf einem der Bäume am Fuß der Jesus-Statue von Rio vor dem Nieselregen und den Wachmannschaften zu verstecken versuchte, "vielleicht ist das ein Zeichen vom lieben Gott, dass ich diesen Sprung nicht machen soll."

Giftschlangen im Unterholz, Regengüsse, plötzlicher Nebel, Wind – tatsächlich sah es so aus, als hätte sich der Himmel gegen den 30-jährigen Salzburger Extrem-Abenteurer verschworen. Monatelang hatte er seinen Plan, vom Zeigefinger des steinernen Heilands über der Bucht von Rio de Janeiro mit dem Fallschirm abzuspringen, vorbereitet, daheim auf Baukränen geübt, eine Spezial-Armbrust zum Hinaufschießen des Kletterseils angefertigt, die gestrengen Augen des brasilianischen Zolls mit dem selbstgebastelten Ausweis eines Schützenvereins getäuscht, die Wachen auf dem 740 Meter hohen Corcovado, dem Hausberg von Rio, ausspioniert. Und jetzt spielte das Wetter nicht mit.

Basejumper Felix Baumgartner Sekunden vor seinem Absprung von der Jesus-Statue in Rio
Picture by Red Bull

Im Morgengrauen des 1. Dezember 1999 ist es dann so weit: Wolkenloser Himmel und Windstille, als Felix Baumgartner gegen vier Uhr Früh in seinem Versteck nach kurzer, unbequemer Nacht aus dem Schlafsack kriecht. Der Schuss mit der Armbrust klappt auf Anhieb. Surrend fliegt das Spezialseil sechzig Meter fast senkrecht in die Dunkelheit, ehe es auf der anderen Seite des 26 Meter hohen Armes wieder die Plattform am Fuß der Statue erreicht. Dann beginnt die mühevolle 25-minütige Kletterpartie mit einem 20-Kilo-Fallschirm auf dem Rücken.

"Kurz habe ich überlegt, ob ich die Treppe im Inneren der Statue nehmen soll, die für das Wartungspersonal zu einer kleinen Ausstiegsluke an der Schulter führt", erzählt der gelernte Automechaniker, "aber dazu hätte ich vier Schlösser knacken müssen. Und Schaden anrichten wollte ich auf keinen Fall!

"Ich hab mir auch eine leere Flasche mitgenommen, falls plötzlich der innere Wasserdruck zu groß wird." – In weiser Voraussicht! Hätte der Salzburger in seiner Not von der Jesus-Statue auf Rio hinunterpinkeln müssen, dann wären ihm wohl sämtliche Bewohner der religiösen Millionen-Metropole auf den Fersen gewesen.

Felix Baumgartner in Managerverkleidung vor seinem Basejump von den Twintowers in Kuala Lumpur
Picture by Red Bull

Als sich Felix Baumgartner endlich auf den Jesus-Arm hinaufzieht und nach einem Balanceakt über die glatten Speckstein-Kacheln am Kragen des Gottessohnes mit einem kleinen Dankesgebet eine Vase mit Blumen deponiert, sind die Wachen bereits zu ihm und seinen zwei Assistenten am Sockel der Statue unterwegs. Die Verhaftung der beiden Helfer ist nicht zu vermeiden, auch nicht, dass die völlig machtlosen Sicherheitsleute ihr portugiesisches Schimpfwörter-Arsenal auf den "Austriaco maluco" abfeuern.

Dann der Sprung: Wegen der geringen Distanz von 26 Metern vom Arm bis zur Betonplattform öffnet Felix Baumgartner den Fallschirm mit einer Spezialvorrichtung gleich nach dem Wegspringen. Noch bevor sich der Schirm ganz entfaltet hat, muss er eine Rechtskurve fliegen, um über die Terrasse hinweg zu den bewaldeten Steilhängen des Corcovado zu gelangen. Weitere 700 Meter unterhalb wartet auf dem Landeplatz ein Fluchtauto. Wenn der Schirm nicht richtig aufgeht, ein Windstoß dazwischen fährt oder die Kurve nicht gelingt, dann nützt ihm auch sein Sponsor nichts mehr, der angeblich Flügel verleiht. Wahnsinnsrisiko? Todessehnsucht? – "Alles erprobt und kalkuliert!", versichert Felix Baumgartner.

Der Stunt gelingt! Während der Ex-Weltmeister im Basejumping (wie man diese illegale Extremsportart nennt) im Auto verschwindet, reibt sich Wolfgang Luif, Baumgartners Leibfotograf, im Hubschrauber über Rio die Hände. Szene im Kasten. Diese Bilder werden um die Welt gehen!

Felix Baumgartner hat damit in einem Jahr sowohl den "größten" als auch den "kleinsten" Basejump der Welt geschafft. Der größte gelang ihm im April in Kuala Lumpur. Damals hüpfte er aus 400 Meter Höhe vom Dach des Petronas-Building, dem höchsten Gebäude der Welt.

Felix Baumgartner am Fallschirm nach seinem Basejump von den Petronas Twintowers
Picture by Red Bull

"Einer der größten Kicks war", grinst Baumgartner heute, "trotz strengster Kontrollen überhaupt dahinein- und hinaufzukommen." Das klappte nur, weil er sich mit Brille, Krawatte und Aktenkoffer, in dem er den Fallschirm versteckte, als Geschäftsmann tarnte – wie der fliegende Held Superman in der Rolle des braven Clark Kent.

Felix Baumgartners nächstes Projekt ist ausnahmsweise nicht illegal und kann daher erzählt werden: 4000 Meter über Grund will er ohne Fallschirm aus einem Heißluftballon springen. Gleichzeitig, aber hundert Meter entfernt, steigt ein Freund mit Fallschirm aus einem anderen Ballon aus. Zwanzig Sekunden hat Baumgartner Zeit, sich im freien Fall zu seinem Kumpel vorzuarbeiten. Bei Tempo 200 will er sich dann per Karabiner einhaken, um schließlich zu zweit mit einem Schirm zu landen. – Der Salzburger: "Die größte Schwierigkeit daran spielt sich ausschließlich bei mir im Kopf ab."


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© Eine Reportage von T. Micke (11-12-99) – Kontakt