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Wüstenprojekt Austromars: Die erste Nacht auf einem fremden Planeten

Der (österreichische) Adler ist gelandet! In einer einmaligen Simulation probte ein rot-weiß-rotes Team in der Wüste Utahs die erste Ankunft von Menschen auf dem Mars. Wir waren vor Ort dabei.



Austromars-Kandidat Vidali mit Alien vor dem Habitat der Mars Society in Utah
Picture by T. Micke

Außer dem elektronischen Surren der Transformatoren und dem Gurgeln der Wasserpumpe ist im Habitat an diesem frühen Freitagmorgen nichts zu hören. Der Esstisch ist sauber, das Geschirr gespült: Wenn der bizarre Blick aus dem kugelrunden Fenster nicht wäre, würde sich das Obergeschoss des Habitats über dem Laborbereich nicht sehr von einer (besonders ordentlichen) Wohngemeinschaft unterscheiden.

Der Blick durchs Fenster ist aber tatsächlich einzigartig: Im Dämmerlicht der aufgehenden Sonne verwandelt sich das nächtliche Grau einer Stein- und Sandwüste in eine orangerosarot leuchtende Marslandschaft. Kein Baum, kein Strauch weit und breit. Lebensfeindlicher Boden, starke Strahlung, kein Wasser: Die Wüste im US-Staat Utah kann in vielen Punkten mit den Bedingungen auf unserem Nachbarplaneten mithalten. Die restlichen Details wie Wasser- und Sauerstoffmangel und geringere Schwerkraft lassen sich dazu simulieren, so sie nicht sowieso zu den täglichen Mühen eines abgelegenen Wüstencamps gehören. Der Hauptstromgenerator hat seine Tücken und ist schon so oft ausgefallen, dass er einen Namen hat: "Wendy" muss gestreichelt werden, bevor man sie startet, heißt es ironisch im Handbuch der Mars Society, die diese Station ausgesuchten Forschungsteams bereitstellt. "Das hilft zwar nichts, macht aber Hoffnung", witzelt Sascha, der für die launische Lady zuständig ist – und muss dann erst wieder auf Notstrom umschalten.

Es ist einer der letzten Übungstage vor der Hauptsimulation der Mission "Austromars", bevor die Türen des zweistöckigen Blechiglus versiegelt werden und der Ausgang für die sechs Crew-Mitglieder nur noch via Luftschleuse und Marsanzug nach einstündiger Ankleideprozedur benutzbar ist. Kein Austreten für ein Zigaretterl oder Beinevertreten nach kurzer Nacht in einer der sechs Schlafkojen, die an japanische Hotelkonserven erinnern.

Simulation eines Exkursionsunfalls durch Austromars auf dem Mars (Utah)
Picture by T. Micke

Aber heute dürfen wir noch ungestraft ohne "Goldfisch-Glocke" auf dem Kopf in den roten Wüstensand hinaussteigen und im Sonnenaufgang die kühle Morgenluft genießen, die danach offiziell giftig ist, weil sie auf dem Mars nur 0,13 Prozent Sauerstoff und dafür stickige 95 Prozent Kohlendioxid enthält. Auch den Wüstenkaninchen, die beim Aufstoßen der schweren Stahltür erschrocken in alle Richtungen davonstieben, scheint die "dicke Luft" ziemlich egal zu sein. Sie sind neugierig und wittern offenbar Abwechslung auf ihrem Speiseplan. Vielleicht steht ja im Logbuch der Austromars-Crew für Ostersonntag so etwas wie: "Haben heute verdächtige ovale Objekte zwischen den Steinen entdeckt. Vermuten, dass diese von den seltsamen langohrigen Marsbewohnern stammen, die schon seit Tagen unser Habitat umzingeln. Unseren Beobachtungen zufolge scheint die Verständigung über die Nase zu erfolgen, die sich pausenlos auf und ab bewegt..."

Stephan Stanger, Geographie-Student in Salzburg, ist einer der Glücklichen Besucher, die exklusive Mars-Atmosphäre schnuppern durften. Klar, dass er auch bei einem der ersten Ausflüge im Astronauten-Anzug mitgemacht hat: "Unglaublich, wie lang das Anziehen dauert. Aber schließlich darf einem ja im Ernstfall kein einziger Fehler unterlaufen, sonst ist man, wenn die Schleuse nach draußen öffnet, erledigt. Die Bewegung und das Gesichtsfeld sind in diesen Anzügen eingeschränkt, und mit dem schweren Sauerstoffversorgungsgerät auf dem Rücken muss man wirklich aufpassen, wo man hintritt. Großartig waren die speziellen Kühlwesten, die wir unter dem Anzug tragen, die helfen sehr bei der Wüstenhitze. Und als wir dann plötzlich ahnungslosen US-Touristen gegenüberstanden, war das ein Riesenspaß!"

Forschugnsarbeit bei Austromars im Habitat der Mars Society in Utah findet vor allem auch am Computer statt
Picture by T. Micke

Ebenfalls beeindruckt war die zweite Besucherin aus Österreich, Ingrid Köhrer (63) aus Mils in Tirol: "Ich habe drei Physiker in der Familie, und mein einer Sohn, der kürzlich verstorben ist, wollte Astrophysik studieren. Ihm widme ich diese Reise, auf der ich wirklich sehr viel gelernt und erlebt habe. Für mich war ja schon die fast 24-stündige Anreise von daheim hierher in die Wüste ziemlich beschwerlich. Wenn ich mir jetzt überlege, dass die ersten echten Marsmenschen ein halbes Jahrlang auf engstem Raum von der Erde zum Roten Planeten unterwegs sein werden, ist das für mich schon unvorstellbar."

Einblick bekamen die beiden Besucher in alle Aspekte des Mars-Alltags: Wie "dort oben" die Toilette und das Wasserrecycling mithilfe von Pflanzen funktioniert, womit und wie oft man sich waschen (Trockenshampoo) und duschen (alle vier Tage 30 Sekunden lang) kann: "Sauberkeit ist wichtig, denn wenn man sich schmutzig fühlt, nimmt auch die Leistungsfähigkeit ab." Und dass viel Wäsche besser ist als viel Wasser, weil weniger Transportgewicht anfällt.

Marsmellow-Marshmellow-Spaß an Bord der Forschungsstation der Mars Society in Utah
Picture by T. Micke

Neben der Simulation des Mars-Alltags, von schweren Unfällen, Pannen und der Reparatur eines ferngesteuerten Rovers wies Austromars auch eine besondere Premiere in der Geschichte der Mars Society auf: Erstmals befand sich auch das Kontrollzentrum, von wo aus die insgesamt dreiwöchige Mission geleitet wurde, nicht in den USA, sondern im fernen Salzburg, wohin die Mars-Crew – ganz wie in der Realität – aufgrund der Planeten-Drehung und der großen Entfernung nur dreimal am Tag mit einer Verzögerung von 10 Minuten Funkkontakt hatte.

Auch wenn die Mission längst Vergangenheit ist, können Fans unter www.austromars.at in den Fotos stöbern und in den Logbüchern Details von Österreichs erstem Marsabenteuer nachlesen.


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© Eine Reportage von T. Micke (23-04-06) – Kontakt