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Radioaktive Spurensuche nach geheimen Atombombentests

Nordkorea hat nicht geblufft, sondern wirklich einen unterirdischen Atomtest durchgeführt. Nur: Wie funktioniert so ein Test? Und: Wie hat man herausgefunden, dass es nicht nur ein geschickter Trick war?



Lassina Zerbo ist Chef des internationalen Datenzentrums der CTBTO, einer IAEA-Organisation, die illegale Atombombentests prüft
Picture by T. Micke

Lassina Zerbo lässt eine Hand über die Weltkarte in seinem Wiener Büro streichen: "Wenn wir fertig sind, dann haben wir ein Netz von mehr als 300 Messstationen weltweit, die heimliche Atomwaffentests aufspüren können." Zerbo ist Chef des internationalen Datenzentrums der CTBTO, einer Unterorganisation der Atombehörde in der Wiener UNO-City, die freigesetzte atomare Strahlung registriert. Mit der Rambo-Aktion Nordkoreas, trotz des weltweiten Testverzichts eine Atombombe zu zünden, ist seine Abteilung, die erst im Aufbau ist, plötzlich in den Brennpunkt der aktuellen Weltpolitik gerückt.


Das IAEA-Siegel der UNO-Inspektoren darf nicht gebrochen werden
Picture by IAEA/Dean Calma

Unter anderem mit Hilfe von Infraschall, Unterwasser-Mikrophonen und Erdbebenmessern versucht Zerbos Team natürliche Erschütterungen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche von künstlichen Explosionen zu unterscheiden. Diese Unmenge von Daten läuft im 5. Stock des UNO-Gebäudes in Wien-Donaustadt zusammen und wird dort im Keller archiviert. "Die Analyse ist oft schwierig", erklärt Lassina Zerbo im Interview: "Das ist manchmal so, wie wenn man bei einem Konzert für Orchester nur durch Zuhören herausfinden soll, ob neben Trompeten auch Posaunen mitspielen." Deshalb bedient man sich noch einer weiteren Technologie: Wie riesige Staubsauger sammeln knapp 40 Radionuklid-Stationen (80 sollen es werden) der UNO Luftproben rund um den Globus und überprüfen, ob verdächtig strahlende Partikel ins Netz gegangen sind.

Uran-Proben, die zur radioaktiven Analyse ins Labor kommen
Picture by IAEA/Dean Calma

Solche Partikel, wie z.B. auch jene aus Stichproben der UNO-Inspektoren in Atomanlagen im Irak, landen zur Untersuchung auch bei David Donohue im Forschungszentrum Seibersdorf (NÖ). Der Leiter des Reinraumlabors der IAEA im Gespräch: "Wir können sagen, ob so eine Probe aus einem friedlich genutzten Atomkraftwerk stammt, ob jemand heimlich Plutonium für eine Nuklearwaffe anreichert oder ob wir bereits die Beweise für eine gezündete Atombombe vor uns liegen haben. Außerdem lässt sich auf ein bis zwei Monate genau bestimmen, wie lange das Ereignis her ist. Anhand eines solchen radioaktiven Fingerabdrucks entlarven wir Vertragsbrecher."

Brennstäbe werden durch Wischproben von der IAEA auf illegale Isotope überprüft
Picture by IAEA/Dean Calma

Das Problem ist nur – wie der Fall Nordkorea zeigt – auch rechtzeitig an solche Proben zu gelangen. Hierzu sind 250 Inspektoren der Atombehörde (IAEA) jährlich an (zusammengezählt) mehr als 10.000 Tagen unterwegs, um die Einhaltung des internationalen Atomwaffensperrvertrages zu kontrollieren. Aber auch das geht eben nur, wenn die Inspektoren ins Land können. Nach dem zweifelhaften Atomtest in Nordkorea, bei dem viele an einen gut inszenierten Bluff glaubten, starteten deshalb Japan und die USA Flugzeuge, um an Nordkoreas Luftraumgrenze aus günstigen Winden Proben zu entnehmen, die nun mit dem allerneuesten Verfahren untersucht wurden. Denn es ist gut möglich, dass bei einem unterirdischen Atomtest so gut wie keine Strahlung in die Atmosphäre entweicht. Einzig bei der Explosion entstandene radioaktive Edelgase wie Xenon "sickern" mit der Zeit auch aus der Tiefe an die Oberfläche und können seit kurzem nachgewiesen und datiert werden.

Klar ist nun, dass Nordkorea mit seinem unterirdischen Test nicht nur geblufft hat. Aber ein Szenario wie 1974 beim ersten, ähnlich schwachen Atomtest Indiens wäre denkbar: Obwohl Indien 24 Jahre später tatsächlich eine echte Atombombe zündete, glauben noch heute viele Experten, die Inder hätten damals nur "irgendwie" spaltbares Material in einer halb missglückten Aktion (Codename "Smiling Buddha") zur Explosion gebracht, sodass messbare Strahlung freigesetzt, der Gegner Pakistan in Angst und Schrecken versetzt und das damalige Entwicklungsland von der Welt forthin auch militärisch ernst genommen wurde.


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© Eine Reportage von T. Micke (22-10-06) – Kontakt