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Andacht und Ernte am Berg Athos

Manche Pilger suchen in der Stille der orthodoxen Klosterinsel den Weg zu sich selbst. Am Fuße des Berg Athos gibt es aber auch unorthodoxere Arten der Einkehr: 9 Stunden Olivenernte jeden Tag sind Knochenarbeit, 2 Stunden Andacht Erholung und ein unvergessliches Reise-Erlebnis...



Ein orthodoxer Pater im Gebet auf der Athos-Fähre nach Karies
Picture by T. Micke

Ich bin kein orthodoxer Christ, ich bin nicht einmal besonders katholisch. Aber ich bin neugierig. Deshalb habe ich heuer im November das ungewöhnliche Angebot eines Freundes angenommen, ihm bei der Olivenernte auf dem Berg Athos zu helfen.

Der Freund hat mich gewarnt: "Das wird kein Urlaub, nur dass du es weißt. Aufstehen vor Tagesanbruch zum Morgengebet gehört verpflichtend dazu. Am Sonntag eineinhalb Stunden, wochentags etwas kürzer. Und nach Sonnenuntergang ist Abendandacht. Jeden Tag!"

Die Oliven in Pater Panteleimons Hain wachsen naturbelassen und biologisch und ergeben ein göttliches Öl
Picture by T. Micke

Athos, jener sagenhafte Mönchsberg bei Chalkidike (nähere Informationen zum Agios Oros und Telefonnummern der Kloster gibt es hier), wo seit mehr als 1000 Jahren byzantinische und später orthodoxe Glaubensbrüder in Abgeschiedenheit den Weg zum Herrn suchen. Wo zu Spitzenzeiten im 14. Jahrhundert 300 Klöster 40.000 Mönche beherbergten. Wo Frauen bis heute keinen Zutritt haben und man ein eigenes Visum zur Einreise braucht. – Mein Freund musste kein zweites Mal fragen.

Auf dieser Halbinsel in der Ägäis lebt der Mönch Panteleimon in sogar für Athos-Verhältnisse besonderer Abgeschiedenheit. In einem Kellion, einer Art Außenstelle des berühmten, bei einem Brand vor zwei Jahren schwer beschädigten Serben-Klosters Chelandar. Pater Panteleimon baut sein eigenes Gemüse an, macht seinen eigenen Wein, dreht im Winter Bienenwachskerzen und lebt von den Oliven, die die jahrhundertealten Haine rund um sein Kellion abwerfen.

Zwölf Mönche bewirtschafteten dieses Gebiet früher, und es ist riesig: 2000 Olivenbäume hat der 58-jährige Pater nach und nach der waldreichen Wildnis der Halbinsel wieder abgerungen und kämpft jedes Jahr fünf Wochen lang im Spätherbst mit 30 bis 40 Tonnen Früchten, die auf die alte Art händisch mit Holz-Stangen vom Baum geschlagen, in Netzen aufgefangen, eingesammelt, von Laub befreit und per Schiff in den weltlichen Grenzort Ouranopolis gebracht werden müssen, wo daraus ein geradezu himmlisch naturbelassenes Öl gepresst wird.

Nicht einmal mit Gottes Hilfe schafft das ein Mann alleine. Aber der Pater hat gute Freunde in Österreich, in Deutschland, wo er geboren ist, und in Serbien und Kroatien, von wo er während des Balkankriegs Flüchtlinge aufgenommen hat. Geld als Lohn gibt es für diese Helfer keines, aber sie werden dafür ins tägliche Abendgebet eingeschlossen. Und sie bekommen ein Bett, drei einfache Mahlzeiten sowie die Garantie, gut zu schlafen nach täglich 9 Stunden harter Arbeit.

Pater Panteleimon und Erntehelfer Georg Fuchs bei Filtern der Olivenblätter auf Athos
Picture by T. Micke

Vor allem Bürohocker wie ich schlafen dann wie Steine. Denn kein Fitness-Center der Welt kann einen Stadtmenschen auf so etwas vorbereiten: Der lange Stock muss kraftvoll und zielgenau über dem Kopf geführt werden. Und während die letzten dunkel glänzenden Oliven noch wie ein Platzregen auf den Boden prasseln, geht es schon ans Netzeraffen, ans Ausputzen und in Kisten Füllen. Auf zum nächsten Baum. Schnell gibt es erste Blasen an den Händen, und man fragt sich, was man hier eigentlich macht, als Gast in diesem so völlig anderen Leben des Pater Panteleimon, der gerade verschmitzt in seinen Bart lächelt und auf seiner Olivenleiter steht wie – verzeih mir, Pater – der Weihnachtsmann auf dem Weg zum Kamin.

Im Morgengrauen auf Athos ertönt vor dem Kellion Jovannitsa die Gebetsglocke
Picture by T. Micke

Morgenandacht sonntags vor Sonnenaufgang: Kurz vor halb fünf tönt in das Rauschen der Meeresbrandung der helle Klang einer Glocke. Der Pater ruft zum Gebet in die Kapelle. Schlaftrunken und frierend tappen wir in den kleinen, nur von Öllampen etwas erhellten Raum. Gut hundert Ikonen schauen aus ihren Bildern an den Wänden streng auf uns herab und achten darauf, dass keiner im Stehen einschläft. Pater Panteleimon betet laut. Auf Deutsch, Alt-Slawisch und Alt-Griechisch. Texte, die ich noch nie gehört habe. Wunderliche Sprachmelodien, die mich in ihren Bann ziehen, wie auch der Anblick des so zeitlos schwarz gewandeten Paters, der gestern sehr weltliche Witze beim Abendessen erzählen konnte, aber jetzt im Schein der kleinen Lesekerze wie ein überirdischer Besucher aus dem Mittelalter wirkt.

Der Eingang zum Allerheiligsten in der Kleinen Athos-Kapelle des Kellions Iovannitsa
Picture by T. Micke

Nach einer endlosen halben Stunde gehen die Gedanken auf Wanderschaft: zu den Blasen an den Händen, zur Familie, zum Leben daheim, das jetzt weit weg ist. Immer ruhiger wird es in meinem Kopf, als ob all die vielen umherschwirrenden, oft sehr hektischen Ereignisse der letzten Monate endlich ihren Platz finden. Und dann muss ich lächeln: erstaunlich! Wo ich doch daheim tagtäglich jeder verlorenen Minute nachhetze, finde ich hier auf einmal ganz viel Zeit für mich an einem Ort, den ich alleine nie gefunden hätte. Danke, Pater! Und, danke Dir, mein Freund!



Die Rennovierung des abgebrannten Serben-Klosters Chelandar auf Athos ist sehr aufwändig und teuer
Picture by T. Micke

Ein kleiner Exkurs sei mir an dieser Stelle noch erlaubt: Das serbische Athos-Kloster Chelandar ist vor ein paar Jahren aufgrund eines deffekten Kamins in Flammen aufgegangen. Das Feuer fraß sich durch das alte Gemäuer, morsche Balken brannten wie Zunder und die Mönche konnten aus den unschätzbar wertvollen Kapellen nur das wichtigste und was sie eben im dichten Rauch erwischen konnten, retten. Das Feuer zerstörte einen großen Teil des phantastischen Gebäudes, das man sich ähnlich spektakulär vorstellen muss wie die Zauberschule Hogwarts.

Derzeit versucht man, das Kloster unter Erhlatung der alten Gemäuer-Strukturen wieder aufzubauen, was ungeheuer aufwändig und teuer ist. Gastarbeiter aus Serbien schufften teilweise unentgeltlich im Sommer, um das einzige serbische-orthodoxe Kloster auf der Insel zu retten. Kurz: Chelandar braucht weiterhin Hilfe. Spenden kann man auf das in Deutschland eingerichtete Konto von Pater Panteleimon (Kreissparkasse Freudenstadt, BLZ 64251060, Ktn.: 238281; BIC: SOLADES1FDS, IBAN: DE87642510600000238281).



Auch auf dem Heiligen Berg Athos gibt es weibliche Katzen. Die Alternative sind Mäuse und Schlangen...
Picture by T. Micke

Und noch etwas: Man hört immer wieder, dass nicht nur Frauen, sondern auch jedwede weibliche Wesen auf dem Agios Oros, dem Heiligen Berg Athos verboten sind. So ist es angeblich nur den Ikonen malenden Mönchen gestattet Hühner zu halten, da sie das Eigelb für ihre speziellen Farben brauchen. In der Praxis wird dies nicht ganz so streng gehandhabt. Um Pater Panteleimon zu zitieren: "Ich kann ja schließlich auch nicht die Vögel davon abhalten auf den Bäumen von Athos zu landen und dort ihre Nester zu bauen..."

Panteleimon selbst hat auch diese zugelaufene Katzenmutter mit ihren Jungen fest in sein Herz geschlossen. "Ich konnte mich ja entscheiden: Lieber Mäuse und Schlangen, oder diese Katzen..."

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© Eine Reportage von T. Micke (11-12-05) – Kontakt