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Heinz Oberhummer: "Wissenschaft kann ja so spannend sein!"

Mit seinem Buch "Kann das alles Zufall sein?" stürmt Heinz Oberhummer – Professor für Theoretische Physik an der TU Wien im Ruhestand – gerade die Bestsellerlisten. Uns stand er zu Fragen über das Universum und die Rolle des Menschen darin Rede und Antwort.



Der Wiener Astronom und Buchautor Prof. Heinz Oberhummer im Interview
Picture by T. Micke

Herr Professor, eigentlich sind Sie ja in Pension. Jetzt haben Sie ein Astrophysikbuch für jedermann geschrieben, betreiben gemeinsam mit Martin Puntigam und dem Experimentalphysiker Werner Gruber unter dem Titel Science Busters im Wiener Rabenhof wissenschaftliches Kabarett. Starten Sie statt in den Ruhestand in eine zweite Karriere?

Ich hab einmal meine Friseurin zu einem meiner Vorträge eingeladen. Sie sagte: Ich geh da nicht hin. Das ist mir zu kompliziert. Sie hat die Schuld fälschlicherweise bei sich gesucht. Dabei sind die meisten sogenannten populärwissenschaftlichen Vorträge einfach zu schlecht, zu kompliziert gemacht. Wissenschaft kann ja so spannend sein, wenn sie gut vermittelt wird ! Das versuchen wir in diesem Kabarett. Mein neues Buch habe ich schon während des Schreibens einer Heurigenwirtin, einem Feuerwehrmann und einem Beamten zum Lesen gegeben. Wenn die gesagt haben: Entschuldige bitte, das ist mir zu hoch, hab ich einfach von vorn begonnen. Zwischendurch muss es ja auch unterhaltsam sein.

In diesem Buch erklären Sie den Leuten das Universum, gehen aber weit über die reine Physik hinaus. Mit dem Titel Kann das alles Zufall sein? fragen Sie eigentlich auch nach der Existenz eines Schöpfungswesens. Ist das dann noch wissenschaftlich?

Aber natürlich! Im Zuge meiner Arbeit bin ich draufgekommen, dass unsere Welt, das ganze Universum, in dem wir leben, so nicht existieren könnte, wenn auch nur ein paar winzige Parameter ein bisschen abweichen würden. Allein die Kräfte im Inneren eines Atoms. Wenn die auch nur um ein halbes Prozent geringer wären, als sie sind, würde es nur ganz wenig Kohlenstoff in unserem Universum geben und damit nirgends Leben. Weil das Leben eben aus Kohlenstoff aufgebaut ist. Als ich das zum ersten Mal ausgerechnet habe, bin ich richtig erschrocken: Alle anderen Elemente bleiben gleich, nur Kohlenstoff und Sauerstoff reagieren so empfindlich auf diese kleine Veränderung. Da fragt man sich natürlich, ob das reiner Zufall sein kann, und überlegt, ob die Theorien über unser Weltbild so stimmen können.

Und an welches Weltbild glauben Sie?

Es gibt da eine verwegene Theorie, die erklären würde, warum in unserem Universum alles so haargenau zusammenpasst. Das ist die Theorie vom Multiversum, die reißt die Leute immer von den Socken, so phantastisch ist die Idee dahinter. Demnach gibt es nicht nur unser eines Universum mit Menschen, Planetensystem, Milchstraßen-Galaxie etc., sondern unendlich viele, die sich alle ein klein wenig unterscheiden. Sie sind wie Seifenblasen, und in jedem Moment entstehen neue. In unendlich vielen von ihnen gibt es zwar kein Leben, weil die Bedingungen nicht richtig sind. Aber wenn ich unendlich viele Universen habe, dann wird es schon irgendwo passen, wie bei uns.

Das Buch Kann das alles Zufall sein? von Prof. Heinz Oberhummer ist erschienen im Ecowin Verlag
Picture by Ecowin Verlag

Heißt das, es gibt auch ein Universum, in dem die Menschen keine Kriege gegeneinander führen, und eines, in dem wir uns längst selbst ausgerottet haben?

Nach dieser Theorie ja. Ein Theologe hat mir einmal gesagt, dass das ein gefährlicher Gedanke ist, weil dann ja alles, was wir tun, eigentlich egal wäre. Ich sehe das nicht so. Die Menschheit, so wie wir sie erleben, ist mit Sicherheit eine der aggressivsten Zivilisationen, die es überhaupt geben kann. Seit wir die Atomenergie entdeckt haben, stehen wir ständig in der Gefahr, uns selbst auszurotten. Wären wir noch aggressiver, hätten wir uns längst ausgelöscht. Deshalb sind die Vorstellungen von den bösen Außerirdischen in den Filmen für mich so absurd. Um dauerhaft zu überleben, müssten intelligente Außerirdische eigentlich so friedlich sein wie Hollywoods E.T., damit sie die Selbstzerstörungsschwelle nicht überschreiten, an der wir Menschen seit Jahren entlangschrammen. Das ist für mich wie ein eigenes Naturgesetz, eine Notbremse des Universums.

Ist zu viel Intelligenz also gefährlich?

Ich denke nicht. Intelligenz ist ein Segen. Es ist doch schon ganz erstaunlich, dass wir mit sieben Milliarden anderen Menschen wie Ameisen diesen Planeten bewohnen, aber sich jeder von uns eigentlich ganz wichtig vorkommt. Wir sind etwas ganz Besonderes: Nur eineinhalb Kilo Hirn, und wir können das Universum bis zum Urknall zurück beschreiben. Natürlich gibt es da noch Lücken, aber im Großen und Ganzen verstehen wir das. Und das ist doch großartig.

Dann halten Sie es also für möglich, dass wir in einem Universum leben, in dem es Außerirdische gibt?

Noch vor zehn Jahren hätte ich das nie gesagt, aber ich denke, wir werden in den nächsten 20 bis 30 Jahren außerirdisches Leben entdecken. Keine grünen Männchen, aber einfache Lebensformen.

Und wenn es doch irgendwo diese kleinen grünen intelligenten Männchen gäbe Sie haben ja gesagt, mit unendlich vielen Universen wäre vieles möglich , was würden Sie so einen intelligenten Außerirdischen fragen, wenn Sie eine einzige Frage hätten, die er Ihnen von seinem viele Lichtjahre entfernten Planeten aus beantwortet?

Ich würde ihn fragen, ob es einen Gott gibt.

Die wichtigste Frage, die ein Physikprofessor wie Sie stellen würde, ist die Frage nach Gott? Nicht nach der unverständlichen dunklen Energie, der Weltformel oder der Funktionsweise der Schwerkraft?

Ja, das wäre nach allen Forschungsfragen für mich eigentlich die letzte große Frage: Gibt es einen Schöpfer, der all das geschaffen hat?

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Vor acht Jahren war ich das noch nicht. Aber je mehr ich über das Universum erfahre, je mehr ich mich mit diesen Grenzfragen beschäftige, desto großartiger wird es. Ich habe damals nächtelang nicht geschlafen. Und wenn der liebe Gott ein Universum erschaffen kann, sag ich, dann kann er auch viele erschaffen. Ich glaube nicht an einen rachsüchtigen, vermenschlichten Gott, aber wenn ich mir das grandiose Universum so anschaue, dann brauche ich das für mich auch nicht.


Schließen sich Wissenschaft und Religion aus?

Das wurde zwar im Mittelalter so praktiziert, und eine Zeit lang hatte die Kirche Angst vor den Erkenntnissen der Forschung. Aber heutzutage werden die beiden Seiten geradezu gezwungen, miteinander zu reden. Ich bin auch schon eingeladen worden von der Jesuiten-Universität in München, damit ich den Theologen von dieser physikalischen Feinabstimmung in unserem Universum erzähle, die so gar nicht nach Zufall aussieht. Ein gutes Beispiel für einen Theologen, der sich immer sehr für die Wissenschaft interessiert hat, war übrigens Kardinal König. Das Problem ist eigentlich hauptsächlich, dass Theologen und Forscher verschiedene Sprachen sprechen. Das ist immer eine Herausforderung.

Wird die Wissenschaft jemals an einem Punkt ankommen, an dem es nichts Neues mehr zu erforschen gibt?

Niemals. Je mehr wir über unsere Welt erfahren, im ganz Kleinen, in der Quantenphysik, oder im ganz Großen, im Universum, desto mehr Neues tut sich auf. Wissenschafter werden bestimmt nie arbeitslos.


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© Eine Reportage von T. Micke (03-03-08) – Kontakt