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Der Todesstrahl des Archimedes

Der Professor einer US-Elite-Uni entfacht mit der Wiederbelebung einer antiken Wunderwaffe nicht nur die Begeisterung seiner Studenten.



Die Waffe des Archimedes: Mehr als 100 Spiegel setzen diese Boatsatrappe aus roter Eiche in Brand
Picture by M.I.T 2009

Die Legende von Archimedes' Sonnenwaffe, die die Griechen laut Geschichtsschreibern im Jahr 212 vor Christus zur Verteidigung gegen die römische Flotte beim Angriff auf Syrakus einsetzten, geistert durch die Literatur und sogar durch mittelalterliche Gemälde wie die Mär der versunkenen Stadt Atlantis, die man noch immer zu finden hofft.

Archimedes, der große Mathematiker und "Daniel Düsentrieb" der griechischen Antike, soll neben seiner präzisen Berechnung der Kreiszahl Pi und der Spiralschraube zum Transport von Wasser unter anderem auch eine Art Laserkanone erfunden haben, mit der er das Licht der Sonne über eine Anordnung von Spiegeln in einem Brennpunkt sammelte und so die angreifenden Schiffe der Römer wie Herbstlaub unter der Lupe in Brand setzte.

Was Physiker und Historiker bis heute zu Diskussionen anregt, ist die Frage: Geht das denn?

Eigentlich nur, um seinen Technik-Studenten etwas Spaß beim Arbeiten und Studieren zu vermitteln, packte jetzt Prof. Dr. David Wallace auf dem Campus-Gelände der amerikanischen Elite-Universität M.I.T. (Massachusetts Institute of Technology) den "Todesstrahl des Archimedes" an. Das Ergebnis seiner Tests auf dem honorigen "Kilian Court" in Boston schlug so hohe Wellen, dass es zu TV-Auftritten kam und nun im Internet eine weltweite Archimedes-Fangemeinde das Thema diskutiert.

Dutzende Studenten hatten mit dem ‐Death Ray– vor dem Massachusetts Institute of Technology ihren Spaß
Picture by M.I.T. 2009

80 Studenten – anstatt der griechischen Soldaten, die Archimedes vermutlich hatte – setzte Prof. Wallace (mit einem Megafon und einem aufgeklebten Archimedes-Vollbart) ein, um mehr als hundert Spiegel so aufzustellen, dass sie das Sonnenlicht am Bug eines Schiffmodells aus Eiche sammeln. Und siehe da: Nach einer Viertelstunde Qualmens und Rauchens schlugen tatsächlich erste Flammen aus dem Holz.

Prof. Wallace im Interview: "Nachher kam ein TV-Team, vor dem wir ein richtiges Schiff auf dem Wasser anzünden sollten. Leider klappte es da nicht so toll, weil das Schiff ziemlich durchnässtes Holz hatte. Aber es wurde auf alle Fälle schwer beschädigt."

Danach begannen die Diskussionen aber erst so richtig: Wenn die Griechen diese Waffe wirklich hatten, hätte das in der Antike nicht eine Wirkung gehabt wie heutzutage die Atombombe? Und wenn, warum hat man dann nicht mehr davon gehört?

Hätte Archimedes überhaupt die technischen Möglichkeiten gehabt, die wir heute verwenden? Hatte er wie wir Silberspiegel zur Verfügung oder "nur" solche aus Bronze? Prof. Wallace: "Meine Studenten haben hier Nachforschungen betrieben und festgestellt, dass es mit polierten Bronzespiegeln auch sehr gut funktioniert, weil diese zwar nicht 81 Prozent des sichtbaren Lichts reflektieren, sondern nur 65, dafür können sie aber im Infrarot-Bereich mehr."

Dr. David Wallace, Professor für Mechanical Engineering, regte seine Studenten mit dem Todesstrahl des Archimedes an
Picture by M.I.T 2009

David Wallace ist sich jedenfalls nach mehreren verfeinerten Versuchen sicher: "Technisch ist diese Sonnenwaffe mit genügend Spiegeln definitiv machbar. Und Archimedes war eines der ganz großen Genies der Geschichte. Wenn er gewollt hätte, dann wäre diese Waffe gebaut und benützt worden. Vielleicht waren Steinkatapulte und Feuerschleudern aber einfach doch effektiver."


Eine müßige Diskussion ohne praktischen Nutzen? Keineswegs: Nach dem Muster der antiken Laserkanone entwickelte der deutsche Ingenieur Dieter Seifert einen Öko-Kocher, der Sonnenlicht so bündelt, dass darüber in einer Pfanne gebraten werden kann. Zumindest in der Theorie eine intelligente Alternative zum Schlägern der Wälder für Feuerholz in der dritten Welt, die bei großräumiger Anwendung auch den Kohlendioxid-Ausstoß reduzieren würde.

Aber auch hier gilt, was Archimedes vielleicht für seine Sonnenkanone vor 2200 Jahren erkannte: Praktisch, robust und einfach muss es sein, sonst setzt es sich nie durch...


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© Eine Reportage von T. Micke (06-11-05) – Kontakt