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Mechanismus von Antikythera: Das Ding aus einer anderen Welt

Diesen Fund aus einem Schiffswrack haben Forscher enträtselt: Es ist ein 2000 Jahre alter Sternencomputer, der durch die Zeit zurückgereist zu sein scheint.



The Antikythera Mechanism in a reconstruction of the original astronomical computer
Picture by Antikythera Mechanism Project

"Zweifelsfrei ist dies ein Stück unglaublicher altgriechischer Ingenieurskunst, nur passt es einfach nicht in die Antike von vor 2100 Jahren", erklärt der britische Physiker Prof. Mike Edmunds im Interview: "Ein Gerät wie dieses wurde nach unserem bisherigen Wissensstand erstmals im Mittelalter, etwa zur Zeit Leonardo da Vincis, entwickelt." Beinahe klingt Prof. Edmunds wie die Forscher aus Andreas Eschbachs Zeitreise-Bestseller, in dem Archäologen bei Grabungen in Israel eine antike Videokamera freilegen: Auch im Buch stellt sich der Fund tatsächlich als 2000 Jahre alt heraus, nur hat er klarerweise in der Epoche nichts verloren, der er zugeordnet wird. Der wesentliche Unterschied zwischen Eschbachs und Edmunds Erzählung: Die Geschichte, die der britische Physiker schildert, ist wahr.

A Greek cargo ship sunk with a mechenical computer in the waters of the island of Antikythera
Picture by Antikythera Mechanism Project

Im Jahr 1901 haben Schwammtaucher vor der Küste der griechischen Mittelmeerinsel Antikythera in 41 Meter Tiefe in einem antiken Schiffswrack neben Schmuck, Silbermünzen und Amphoren aus dem 2. Jahrhundert vor Christus einen Mechanismus aus Bronze-Zahnrädern entdeckt. Und dieses Ding hält nun seit mehr als 100 Jahren Archäologen und Physiker in aller Welt in Atem. Immerhin ist der Fund auf den ersten Blick fast so unglaublich, als hätte man in einem Grab der chinesischen Tang-Dynastie um 700 n. Chr. die Reste einer falschen Rolex entdeckt.

Description details on the invaluable Antikythera Mechanism which is said to have been made by Hipparchus
Picture by Antikythera Mechanism Project

Mit Hilfe von Röntgenapparaten und nun auch mit einem 7,5 Tonnen schweren Computertomographen, der eigens ins griechische Staatsmuseum nach Athen geschafft werden musste, weil das unbezahlbare Stück nicht transportiert werden darf, haben Forscher dem Mechanismus von Antikythera in den letzten Jahrzehnten ein paar Geheimnisse entlockt. Prof. Edmunds Team hat nun mittels spezieller Computersoftware auch Teile der Gebrauchsanweisung entziffert, die auf Altgriechisch in den Mechanismus gestanzt ist. Fest steht: Das Gerät konnte den Lauf von Sonne, Mond und der damals bekannten Planeten bestimmen. Es unterteilte das Jahr in 365 Tage und berücksichtigte sogar alle vier Jahre ein Schaltjahr. Es konnte Mond- und Sonnenfinsternisse vorhersagen sowie das Erscheinen bestimmter Tierkreiszeichen am Sternenhimmel. All das mit einem sagenhaft ausgefeilten Getriebe aus vermutlich 37 Zahnrädern: Ein mechanischer Supercomputer, der einzigartig ist unter den Funden aus dieser Zeit und klar stellt, dass man damals von der Kugelform der Erde wusste.

Wie die Griechen ein solches Instrument herstellen konnten, mit einer Technik, die man nicht so kurz einmal aus dem Ärmel schüttelt, sondern dafür vermutlich mehrere Generationen Schmiedeerfahrung benötigt, warum dieses Wissen anscheinend völlig verloren ging und erst ca. 1400 Jahre später neu erfunden wurde, darüber gibt es nur Vermutungen, die aber zeigen, dass die Sternenuhr wohl doch nicht durch die Zeit gereist ist.

The astonishingly accurate gears of the Antikythera Mechanism in the laser scan
Picture by Antikythera Mechanism Project

Roms Politiker Cicero beschrieb in einem seiner Texte ein Instrument des griechischen Astronomen Posidonius, mit dem er "bei jeder Umdrehung die Bewegungen von Sonne, Mond und der fünf Planeten erzeugen kann". Viele Historiker hielten diese Passage stets für eine Übertreibung des Autors. Aber Cicero dürfte das Gerät wirklich gesehen haben: Um etwa 130 v. Chr. wirkte auf Rhodos der geniale Mathematiker und Astronom Hipparch. Er betrieb dort eine astronomische Gelehrtenschule, und einer seiner Schüler war besagter Posidonius. Perfekt in dieses Puzzle passt zudem, dass jenes vor Antikythera gesunkene Schiff anhand seiner Fracht von der Insel Rhodos gekommen sein dürfte.

Prof. Mike Edmunds and his team found new details in the Antikythera Mechanism
Picture by Antikythera Mechanism Project

Dass der Mechanismus vor 2000 Jahren mit diesem Schiff baden ging, ist ein großer Glücksfall. Prof. Edmunds: "Bronze war ein wertvolles Material, das immer wieder recycled wurde. Hat man etwas nicht mehr gebraucht, wurde es eingeschmolzen und wiederverwertet. Die Römer, die damals auch in Griechenland die Macht übernahmen, hatten wenig Interesse an so abgehobenen Dingen wie Astronomie, weshalb dieses Wissen schlicht ausgestorben sein dürfte. Aber vermutlich hat es damals noch ganz andere unglaubliche Instrumente gegeben. Und mir wird schwindelig, wenn ich mir vorstelle, was diese Griechen schon vor 2000 Jahren wohl noch gekonnt haben."


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© Eine Reportage von T. Micke (17-12-06) – Kontakt