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Froschmännchen und Wassernixen

"Die Ahnen des Menschen lebten nie auf Bäumen. Sie kamen aus dem Wasser und lebten amphibisch": Ein deutscher Biologe wirft traditionelle Theorien über den Haufen – mit Unterstützung aus Österreich.



Pavian mit Penis und Ananas
Picture by T. Micke

Gegen so ein kleines, pummeliges Menschenbaby sehen neugeborene Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen wie magere Zwerg-Greise aus. Warum? Weil die kleinen Menschlein eine fette Isolierschicht brauchen würden, um beim ständigen Kontakt mit Wasser durch ihre Nahrung suchenden Mütter gut gewärmt zu bleiben, sagt Prof. Carsten Niemitz, Humanbiologe an der Freien Universität Berlin. Dieses Babyfett sei einzigartig unter den Affen und auch in vielerlei anderer Hinsicht sei der Mensch seinen biologisch nächsten Verwandten, den Schimpansen, sowie den Pflanzen fressenden Waldbewohnern Gorilla und Orang-Utan ganz und gar nicht ähnlich. Er habe also vermutlich ab einem bestimmten Zeitpunkt seiner Entwicklung (vor zirka sechs bis zehn Millionen Jahren) einen ganz anderen Weg eingeschlagen.


Laut Carsten Niemitz und seiner jüngst in einem Buch ("Das Geheimnis des aufrechten Gangs", Beck-Verlag) veröffentlichten "amphibischen Theorie" ist der Mensch und sein Vorfahre nämlich evolutionär nicht vom Baum herabgestiegen, sondern lebte aus vielerlei Gründen am und im Wasser, zog sich nur bei Gefahr und bestenfalls zum Schlafen auf Bäume zurück. Der im Tierreich einzigartige aufrechte Gang des Menschen, an dessen eigentlicher Ursache die Anthropologen bis heute herumgrübeln, stamme nicht etwa vom Bedürfnis, Gegenstände mit den "Vorderbeinen" zu tragen, zu bearbeiten oder zu werfen. Der Mensch könne damit im ufernahen Wasser besser waten, um eiweißreiche, für die Entwicklung seines Gehirns besonders wertvolle Nahrung zu sich zu nehmen.

Carsten Niemitz liebt es, die Menschen zu schockieren oder vielleicht passender für einen vortragenden Uni-Professor wachzurütteln: "Wenn mich einer fragt, ob der Mensch vom Affen abstammt, sag ich immer: ,Nein, der Mensch stammt nicht vom Affen ab. Er ist einer!'"

Ähnlich griffig schildert er im Interview die Details seiner "amphibischen Theorie" und ist um keine Erklärung verlegen, obwohl "Forschungsrevolutionäre" wie Dr. Elaine Morgan mit ihrer aquatischen Theorie in den 60er Jahren von vielen Kollegen belächelt wurden. Niemitz: "Wenn ein Schimpanse mit den Händen eine schwierige Tätigkeit ausübt, dann setzt er sich auf seinen Hintern, genau wie der Mensch, wenn er einen Faden durch ein Nadelöhr zieht. Und: Ich bin selbst schon einmal von einem wütenden Gorilla-Männchen sehr zielgenau mit Erde beworfen worden. Beides ist für mich also keine Erklärung für den zweibeinigen Menschen."

Tatsächlich ist dieses in der Evolutionsgeschichte einzigartige aufrechte Gehen, das nicht vergleichbar ist mit dem Gewatschel von Pinguinen, dem "Sackhüpfen" von Kängurus oder dem schwanzgestützten Gang der Dinosaurier, eine scheinbar völlig verrückte Entwicklung: Immerhin geht und steht man auf vier Beinen sicherer und meist auch schneller. Die lebenswichtigen Organe sind besser geschützt und wenn eines von vier Beinen im Kampf abhanden kommt, ist man auf drei Beinen immer noch halbwegs mobil. Zweibeinigkeit zu lernen dauert zudem seine Zeit, und Zweibeiner müssen daher länger von der Mutter umhergetragen werden, was beide anfälliger für Angriffe macht.

Affenfamilie in Äthiopien
Picture by T. Micke

Es muss also einen wirklich guten Grund geben, warum der Mensch sich auf die Hinterfüße gestellt hat. Denn auch in den weiten Ebenen der damaligen Savanne lebte es sich ohne Baum auf vier Beinen leichter als auf zwei. Zweibeinigkeit vielleicht, um Räuber und Beute besser über hohes Gras hinweg sehen zu können? Da würde man gut daran tun, sich nachher möglichst schnell wieder auf alle viere zu begeben, um nicht selbst entdeckt zu werden.

Niemitz: "Es gab für den Menschen viele Anreize, ein Leben am Wasser anzustreben. Die zwei wichtigsten: Das Nahrungsangebot ist dort rund ums Jahr größer und gleichmäßiger. Und: Die Nahrung, die in den Uferzonen zu ergattern ist, ist eiweißhältiger. Dass die Urzeit-Menschen ihren Eiweißbedarf durch Großwildjagd decken konnten, halte ich für ein Gerücht. Diese Jagden waren gefährlich, brachten nicht genug Ausbeute und hätten die Männer zu stark dezimiert. Der Beitrag der sammelnden und fischenden Frauen zum täglichen Nahrungspensum wird viel zu sehr unterschätzt. Wohl wegen des klischeehaften Bildes speerschleudernder und steinewerfender Männerhorden, das wir von der SteinzeitGesellschaft haben..."

Niemitz: "Am Wasser war für den vielseitigen Menschen das ,Preis-Leistungs-Verhältnis einfach besser. Und dadurch, dass der Mensch aufrecht mit seinen vergleichsweise großen Füßen auf dem weichen Boden weit ins Wasser hineinwaten konnte, wurde die Ausbeute noch höher."

Überraschende Unterstützung für seine interessante Theorie bekam Prof. Carsten Niemitz gerade vergangene Woche durch den Wiener Physiologen Dr. Peter Ahnelt, der den Aufbau der Augen von Mensch, Gorilla, Schimpanse, Orang-Utan und am Wasser lebenden Makaken verglich. Im Gegensatz zu anderen am Boden lebenden Affenarten habe sich der Mensch sein gleichmäßig räumliches Sehfeld bewahrt. Dr. Ahnelt: "Möglicherweise, weil dies für einen aufrechten, vorausschauenden Gang und das zweibeinige Sammeln und Fischen im seichten Wasser sinnvoller war."

Sorry, das ist nur ein Alligator...
Picture by T. Micke

Prof. Carsten Niemitz, der neben Biologie auch noch Medizin und einige Semester Mathematik studiert hat, befasst sich in seinem Buch "Das Geheimnis des aufrechten Gangs" mit allen möglichen Kritikpunkten an seiner Theorie vom amphibischen Menschen: Ein Forscher-Kollege meint, seine Wasser-Theorie würde nicht funktionieren, weil Krokodile eine viel größere Bedrohung für Menschen wären als zum Beispiel Löwen. Krokodile hätten watende "Froschmännchen und Wassernixen" an Flüssen und Seen viel zu radikal dezimiert.

Niemitz kontert: "Krokodile suchen das Weite, wenn man Lärm macht. Es ist zwar nur eine Hypothese, aber warum sind Kinder beim Spielen im Wasser wohl so ungeheuer laut? Vielleicht ist uns das Krokodil-Vertreiben ja bis zum Geschrei im Freibad erhalten geblieben. Auch zieht jeder Mensch instinktiv klares Wasser trübem vor. Warum wohl? Klares Wasser ist ja zum Trinken nicht unbedingt sauberer als trübes, dafür aber sicherer, wenn man an einem Seeufer spielen oder fischen will."

Wenn es auch Skeptiker der Niemitzschen Amphibien-Idee gibt, so zeigt der Humanbiologe eines auf jeden Fall: Dass auch scheinbar gesichertes Wissen gelegentlich hinterfragt werden sollte. Auch so "einfache Dinge" wie der aufrechte Gang des Menschen.

Können Sie sich zum Beispiel erklären, warum ein Haus mit Swimmingpool oder gar eines am See zum begehrtesten gehört, was Immobilienmakler anzubieten haben? Prof. Carsten Niemitz hat da eine Idee...


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© Eine Reportage von T. Micke (01-05-04) – Kontakt