|
"Stirbt die Maus bei Nachtmahlessen,
hat den Schnorchel sie vergessen..."
Keine zwei Wochen hatten wir unsere Almhütte über dem Kärntner Gailtal bezogen, das Jungvieh, das wir den Sommer über für die Bauern im Tal hüten sollten, war gerade auf der ersten Weide eingezogen, und schon musste ich ins Unfallspital: "Sensenschleifen ist halt nichts für unerfahrene Stadtmenschen", ätzte der (offenbar Kummer gewöhnte) Chefarzt grinsend, während ich beim Desinfizieren der tiefen Schnittwunde an meiner Hand wortlos die Zähne zusammenbiss.
Die vielen kleinen Brandverletzungen an den Unterarmen vom hastigen Holznachlegen im heißen Ofen rechne ich schon gar nicht mehr. Dass ich einmal beim Holzhacken wegen eines heimtückischen Astlochs um Haaresbreite mein Schienbein mit dem Beil verfehlt habe, erzähle ich niemandem. Und wenn mir unsere Milchkuh Ringale beim Fliegenverscheuchen mit dem Kopf unabsichtlich das Horn in den Oberarm boxt, dass mir die Tränen kommen, dann sag ich inzwischen nur noch: "Glück gehabt!" Denn es gibt vieles, das bei einem frisch gebackenen Viehhüter auf der Alm ins Auge gehen kann und das einem kein Hirtenkurs der Welt beibringt.
Weniger harmlos verlief leider ein Unfall unserer bisher so ausgeschlafenen Hausmaus Hannibal, die nachts immer geräuschvoll im Zwischengang zum Stall in den Speiseresten für unsere Schweinchen nach Delikatessen sucht. Diesmal hatte ich dort dummerweise einen Kübel mit Restmolke vom Käsen fürs Ferkelfrühstück hingestellt. Wohl nicht aus kosmetischen Gründen nahm Hannibal nachts unbeobachtet ein Molkebad, schaffte es nicht mehr heraus und... – So viel Molke kann eine Maus leider nicht alleine trinken.
Hannibal war zwar "nur" eine Maus, und er fand uns eigentlich immer zum Davonlaufen. Aber irgendwie hatten wir ihn doch ein bisserl lieb gewonnen. Und so bekam er dann auch ein stilles Begräbnis im kleinsten Kreis hinterm Haus bei den Himbeeren: Hannibal, wir werden dein nächtliches Getrippel und Geraschel vermissen (bis Hannibal II. den Nagerpalast in unserer Zwischendecke bezieht), und wenn du die folgende Mäusefabel gekannt hättest, wäre dir das bestimmt nie passiert.
Zwei Mäuse fallen in einen Kübel mit Milch. Die pessimistische Maus jammert: "Wir sind verloren! Wir kommen hier nie wieder raus." Sie hört auf zu schwimmen und mit den Beinen zu strampeln und ertrinkt. Die zweite Maus denkt sich: "Ich bin Optimist. Ich strample so lange ich kann. Wer weiß, vielleicht kommt Rettung." Fast eine Stunde lang strampelt sie, dann stockt die Milch im Kübel, wird zu Butter, und die Maus kann herausklettern.
Unser Hannibal hatte leider einfach tragisches Pech. Wäre nicht Molke im Kübel gewesen, sondern Milch, ich hätte mir bestimmt einmal Butterstampfen erspart...
|