Die Nachlese

Ein Stadtmensch als Viehhirte – Eine 13-teilige Serie für Aussteiger und Träumer

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Alm-Tagebuch: Mit den Waffen einer Kuh

74 Jungrinder auf einer Alm kann man nicht mit Gewalt regieren. Vom Hirten ist viel Fingerspitzengefühl gefragt und manchmal sogar ein wenig Kuh-Diplomatie.


"Denkt der Hirt wie seine Viecher,
wird er selbst auch wunderlicher..."

Auch ein Sitzstreik kann sehr wirklungsvoll sein, wenn die Kuh nicht auf die neue Weide will
Picture by T. Micke

Ringale, unsere Milchkuh, ist ungeheuer stolz auf ihre Glocke. Ein Bauer im Dorf hatte uns geraten, nach dem abendlichen Melken ihr Läutwerk einfach mit einem Fetzen zu verstopfen. So hätten wir nachts etwas mehr Ruhe, wenn sie um die Almhütte streicht, während die anderen auf der Weide sind. Leichter gesagt als getan.

Ich dachte ja naiv, dass Ringale sich freuen würde, einmal nicht bei jedem Kopfschütteln wie ein wandelnder Kirchturm zu bimmeln. Davon bekommt man ja Ohrensausen. Und beim Blinde-Kuh-Spielen im Morgengrauen mit den anderen im Wald kann sie auch immer nur einschauen.

Ringale war über ihre stumme Glocke anfangs so grantig, dass sie damit so lang gegen das Gatter schlug, bis der Fetzen (um 4 Uhr Früh) wieder rausflog. Schluss mit Schlafen. Seither muss ich am Melkstand immer vor ihren Hörnern in Deckung gehen, wenn ich die ungeliebte Maßnahme (mit Klebeband) gegen ihren Dickschädel durchsetzen will.

Gegen das Geweih einer solchen Kuh wirkt ein Nashorn beinahe harmlos
Picture by Olivia Fuchs

Kühe haben aber noch ganz andere Waffen als ihre Hörner (so der Bauer ihnen diese Zierde lässt). Und der Hirte tut gut daran, wie eine Kuh zu denken, wenn er sich durchsetzen will. Oberste Viehhüter-Regel: Du musst mehr Zeit haben als deine Kühe – vor allem wenn sie nicht wollen, was du willst. Wenn die Damen nur widerwillig im Schneckentempo folgen, muss der Hirte eben auch in Zeitlupe vorneweg gehen. Alles andere verursacht nur Magengeschwüre. Auch ein lauter Wutausbruch nützt gar nichts. Das liebe Vieh bringt sich höchstens vor dem Irren mit dem Stock in Sicherheit. Und das ist aus Sicht der Kuh bestimmt nicht der erhoffte Weg durchs schmale Gatter.

Zweite Regel: Halte eine Kuh nie für blöd oder ungeschickt. Wie bei uns Menschen findet man auch unter Kühen besonders ausgeschlafene Vifzacks. Es gibt solche, die sich grazil mit dem Hinterfuß den Schlaf aus den Augen reiben oder mit zirkusreifer Fertigkeit berührungsfrei über einen niedrig gespannten Elektrozaun steigen. Mein persönlicher Hirtentipp: Tauche niemals unter einem E-Zaun hindurch, wenn dir eine Kuh dabei zusieht, selbst wenn sie noch so desinteressiert wirkt. Sie macht dir das eine halbe Stunde später nach.

Dritte Regel: In einer Kuhherde ist vieles so wie in einer Firma. Es sind nicht immer die mit den lautesten Glocken, die die Richtung der Herde vorgeben. Finde heraus, wer die wahren Anführer sind, und sei nett zu ihnen. Denn wenn du den Chef gegen dich hast, dann geht gar nix mehr...


< Lesen Sie in Teil IX dieser Serie: Reise in der Mäusehimmel

© Eine Reportage von T. Micke (06-08-06) – Kontakt