Die Nachlese

Ein Stadtmensch als Viehhirte – Eine 13-teilige Serie für Aussteiger und Träumer

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Alm-Tagebuch: Ein Leuchtturm für Nachtfalter

Parfum braucht man auf der Alm nicht. Man duftet nach Heu und nach Kuh und lässt die Fliegen Fliegen sein. Auch die Almgarderobe sieht etwas anders aus.


"Riecht der Viehhüter nach Stall,
darf er nicht zum Opernball..."

An heißen Tagen muss sich das Vieh die Tränke mit den Hirten teilen
Picture by T. Micke

Nicht nur mit den großen Tieren – unseren 76 Jungkühen, unserer einen Milchkuh Ringale und unseren Ferkeln Hermann und Werner – gilt es, während unseres Viehhüter-Sommers auf einer kleinen Alm im Süden Österreichs zurechtzukommen. Auch mit den kleinen Viecherln müssen wir unseren Alltag arrangieren. Da ist zum Beispiel die Maus, die nachts im Stall bei den Gerstenschrot-Vorräten für die Milchkuh mitnascht. Verjagen geht nicht, gemordet wird nicht. Da hilft dann nur die Adoption als Haustier, um nicht jeden Morgen wegen des 5-Uhr-Knisterns und -Knabberns im Zwischenboden wütend zu werden. Wir haben Sie außerdem Hannibal genannt. Das hilft auch ein bisserl . . .

Neben diesem kleinen Alpenzoo gibt es dann noch jede Menge Fliegen und Falter, die Tag und Nacht wie die Kärntner Luftwaffe durch unsere Hütte jagen. Da fällt das Adoptieren und Namengeben schon schwerer. Anders als daheim in der Stadt haben wir hier das Wegscheuchen bis auf wenige ganz unverschämte Landeversuche aufgegeben. Wenn die Fliege meint, unbedingt dreimal mein linkes Ohr rauf unter runter wandern zu müssen, während ich diese Zeilen schreibe, dann soll sie. Verjagen ist hier oben völlig sinnlos. Und die vielen Nachtfalter bekommen abends nur ein kleines Teelicht als Leuchtturm ins Kuchl-Waschbecken gestellt, das sie ein wenig aus der Schlafkammer weglocken soll.

Schweine halten sich auf ganz besondere Weise sauber
Picture by T. Micke

Ein Grund für die vielen Fliegen ist bestimmt auch, dass es auf der Alm ohne Waschmaschine, Geschirrspüler und Staubsauger gleich neben dem Stall einfach ein bisschen großzügiger mit Putzen und Waschen zugehen muss. Ganz ehrlich ? Man kann hier oben einfach nicht jeden Tag die Wäsche wechseln, nur weil man beim Melken ein paar Spritzer Kuhmilch oder beim Schaufeln etwas Ferkelmist abbekommen hat. Wenn man nicht nur den Fernwärme-Wasserhahn aufdreht für die heiße Dusche, sondern – eh auch schon Luxus auf der Alm – dafür Holz hacken, Feuer machen und eine Stunde einheizen muss, dann überlegt man sichs. Wenn das T-Shirt schon ein paarmal beim Viehtreiben in der Sommerhitze dabei war, ansonsten aber noch ganz gut aussieht, dann überlegt man sich auch, ob mans schon zur Waschrumpel legt. So entsteht dann das 3-Phasen-Almleiberl:

1. Phase: Das Leiberl ist frisch, wird beim Frühstück und am Abend bei der Jause in der Kuchl getragen.

2. Phase: Das Leiberl duftet bereits nach Heu und Stall und wird daher zum Viehtreiben, Kühezählen und Pilzesuchen eingesetzt. Gäste kann man damit draußen am Jausentisch auch noch empfangen.

3. Phase: Das Leiberl wird zum Melk-T-Shirt ernannt und darf früh-morgens und abends im Stall bei der richtigen Arbeit dabei sein. Wichtig ist hier vor allem, dass man das Ende von Phase 3 rechtzeitig erkennt...


< Lesen Sie in Teil VIII dieser Serie: Mit den Waffen einer Kuh

© Eine Reportage von T. Micke (30-07-06) – Kontakt