Die Nachlese

Ein Stadtmensch als Viehhirte – Eine 13-teilige Serie für Aussteiger und Träumer

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Alm-Tagebuch: Ohrfeigen zum Frühstück

Beim Melken sind nicht nur Gefühl und Ausdauer gefragt. Der Anfänger muss auch zielen lernen. Sonst gibt`s Watschn von der Kuh . . .


"Muss das Rind nach Fliegen klatschen,
fängt der Melker Kuhscheif-Watschn..."

Erfolgserlebnis, wenn beim Handmelken endlich die Milch fließt
Picture by T. Micke

Die Finger sind taub, die Unterarme schmerzhaft verkrampft, und meine Zehen sind in den Gummistiefeln nur Zentimeter von den vernichtenden Klauen unserer Milchkuh Ringa entfernt. "Maresi" wollte ich sie eigentlich nennen, aber der Bauer, der uns die im Hirtenvertrag zugesicherte "Milchkuh für den Eigenbedarf" bereitgestellt hat, hatte schon einen Namen für unser hübsches zweijähriges Mädel. Ist wohl eh besser so. Und die Milch für meinen Morgenkaffee liefert sie mehr als doppelt.

Der Hirtenkurs, den ich genommen habe, um mich für diesen Job zu qualifizieren, hat mich nicht annähernd auf das vorbereitet, was mich an diesem Morgen erwartet. Gestern Abend hat der Bauer uns noch einmal gezeigt, wie das geht, das Handmelken. Für alle Beteiligten eine anstrengende wie ungewohnte Sache: Der Bauer hatte das selbst seit 30 Jahren nicht mehr gemacht, ich – bis auf zehn Probespritzer beim Hirtenkurs – überhaupt noch nie, und Ringa kannte nur die Melkmaschine, die mit Vakuumpumpen arbeitet. Dementsprechend irritiert sah sie auch zu, was die Zweibeiner da auf einmal an ihren empfindlichen Milchdrüsen herumzudrücken und zu zupfen hatten.

Wenn die Kuh schlecht gelaunt ist, kann das Melken schwierig werden
Picture by T. Micke

Nun sitze ich also in aller Herrgottsfrühe da, halb unter diesem Riesenrind mit dem Kopf am warmen, "kuhig" duftenden Bauch. Ich konnte die halbe Nacht nicht schlafen, weil ich mir Gedanken gemacht habe, wie ich das jemals schaffen soll, wie die genaue Fingerbewegung geht, mit der man die Milch aus den Zitzen holt. Und ich fluche leise vor mich hin, weil der Milchstrahl irgendwohin schießt, nur nicht in den Melkkübel, den ich in einer Art Abfahrtshocke zwischen die Beine geklemmt halte.

Ringa schaut immer wieder fragend zu mir herunter, aber wenigstens hält sie heute still. Wenn sie jetzt auch noch ihr lässig abgewinkeltes linkes Knie normal hinstellen könnte, dann würde ich vielleicht auch an die ganz entfernte Zitze kommen. Zu schade, dass das nicht funktioniert, die ganze Milch aus den vorderen beiden Zitzen zu holen. Erst im Kurs habe ich gelernt, dass die vier Kammern im Euter keine Verbindung haben und dass alles ausgemolken werden muss, weil die Kuh sonst eine Entzündung bekommen kann.

Eine halbe Stunde ist jetzt um. Ringa hat keine Geduld mehr mit mir, schubst und schiebt, watscht mir ihren Schwanz um die Ohren, und ich bin schweißgebadet. Aber ich denke, für mein erstes Mal kann man das gelten lassen. Der Kübel ist immerhin halb voll, und ich trage ihn mit steifen Fingern zum Sieb, wo die warme Milch vom herabgefallenen Schmutz befreit wird.

Eine Stunde später sitze ich geduscht und völlig erledigt beim Frühstück, aber ich muss ehrlich sagen: Die Milch in meinen Cornflakes hat noch nie so gut geschmeckt, und "Ringale" schaut schon wieder versöhnt über den Weidezaun herüber.


< Lesen Sie in Teil V dieser Serie: Zwei echte Charakterschweine

© Eine Reportage von T. Micke (09-07-06) – Kontakt