Die Nachlese

Ein Stadtmensch als Viehhirte – Eine 13-teilige Serie für Aussteiger und Träumer

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Alm-Tagebuch: Kräuter, süß wie Schokolade

Endlich Almauftrieb! Der hat allerdings auch seine Tücken, wenn man noch nie eine eigensinnige Kuh zum Abmarsch überredet hat.


"Wenn die Kuh auf Angriff geht,
hilft nur noch ein Stoßgebet..."

Beim Almauftrieb muss man manchmal zu ungewohnten Lockmitteln greifen
Picture by T. Micke

Mein Gegenüber wiegt mindestens 500 Kilo, hat Hörner wie Bajonette und schaut mich auf eine Weise an, die ich zum letzten Mal bei einer Kenya-Safari in den Augen eines Rhinozeros gesehen habe. Nur dass ich damals in einem schützenden Geländewagen saß und der Fahrer einfach aufs Gas stieg, als der Koloss attackierte.

Die werdende Mutterkuh vor mir ist eine der letzten Nachzügler, die noch nicht begriffen haben, dass nach der jetzt abgenagten Voralm im Tal das grüne Paradies bei uns unterhalb der Berghütte wartet. Es ist so eindeutig, dass sie nicht durch das offene Gatter hinter ihr will, dass mir mein überkopfhoher Hirtenstock, mit dem ich durchaus einmal hinlangen darf, wie ein Zahnstocher vorkommt. Wir wollen wohl beide nicht, dass die Situation eskaliert, aber wer macht den ersten Schritt ? Und wenn, dann in welche Richtung ?

Ich weiß nicht mehr, was schließlich den Ausschlag gab, ob sie bei unserem Augenspiel früher blinzeln musste als ich oder ob es mein flehendes "Bitte, Mädel!" war oder das kleine Stoßgebet, jedenfalls drehte sie sich irgendwann um, wie wenn nix gewesen wäre, und trottete den anderen nach. Feuerprobe überstanden ! Man muss wirklich erst ein Gefühl für diese Riesenviecher entwickeln, die einen leicht mit einem ungewollten Kopfstoß abräumen können, wenn man sich blöd hin- und anstellt.

Hier verbeißt sich eine gut abgerichtete Kuh im Arm des Viehhüters
Picture by T. Micke

Eine anstrengende Stunde lang treiben Olivia und ich mit Hilfe von Bauern und Dorfkindern die 70 Jungkühe über eine kehrenreiche Forststraße mit vielen Abzweigungen und duftenden Kräutlein am Wegesrand hinauf auf die erste Almweide. Wo immer einer von uns nicht aufpasst, halten die Damen Kaffee-Kränzchen und naschen, was nach dem letzten Bittergras der Vorweide jetzt wie Schokolade schmecken muss. Eine zarte Versuchung, die in der dritten und vierten Reihe immer wieder für Stau sorgt. Das kann auch gefährlich enden für die Tiere, wenn durch eine Rempelei unter zänkischen Nachbarinnen eine vom Weg in den steilen Wald geschubst wird.

Später, wenn das Gatter zu ist, sitzt man mit den Bauern beim kühlen Bier im Schatten auf einem alten Stamm neben der Weide und schaut zufrieden den Tieren zu, wie sie sich sichtlich über die süßen Almgräser freuen. "Das sind unsere zwei", erklärt mir ein kleines Mädel aus dem Dorf stolz und deutet auf meine Widersacherin von der Voralm und eine zweite, hübsch gefleckte Kalbin: "Susi und Sterndl heißen sie und sind beide zwei Jahr alt." Auch die Mutter des Mädchens lächelt uns, den beiden Viehhütern, zu.

"Ah! Susi heißt du also, Du Mistvieh!", denke ich mir insgeheim. Aber irgendwie ist es so, als ob uns gerade jemand seine zwei jüngsten Familienmitglieder für ein Abenteuer-Sommerlager anvertraut hat.


< Lesen Sie in Teil IV dieser Serie: Ohrfeigen zum Frühstück

© Eine Reportage von T. Micke (02-07-06) – Kontakt