Die Nachlese

Ein Stadtmensch als Viehhirte – Eine 13-teilige Serie für Aussteiger und Träumer

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Alm-Tagebuch: Abschlag vom Ampfer-Green

Die Kühe noch auf der Voralm, der Spinnenclan und die Mäusebande raus aus der Hütte: Da greift unser Viehhüter erstmals in seinem Leben zur Sense.


"Hat er zum Golfspielen nicht das Geld,
mäht der Bauer halt das Feld..."

Auch auf die Alm kommt der Sensenmann gelegentlich
Picture by T. Micke

Fast 70 Zentimeter lang ist die Klinge und messerscharf! Das letzte Mal habe ich etwas so Martialisches im "Herr der Ringe"-Souvenirshop in der Hand gehabt. Der Unterschied ist nur, dass mein Alpenschwert an einem langen, ehrwürdigen Holzstiel steckt und nicht zum Bekämpfen von hässlichen Orks dient, sondern von "Sau-Plotschn" – Pardon, Ampfer. Dieser hat sich im Frühling rund um unsere Hütte zu einem kleinen Urwald ausgebreitet. Und wo Ampfer wuchert – eigentlich eine alte Kulturpflanze aus deren Stängeln sich herrlich Kompott machen lässt –, da wächst kein Gras mehr.

Der Ampfer hat diese Woche Vorrang, weil unsere 76 Jungkühe, für die meine Freundin und ich diesen Sommer als Viehhüter sorgen werden, erst übermorgen zu uns auf die Alm getrieben werden. Noch sind die Jungdamen auf einer Voralm der Dorfgemeinschaft knapp überm Tal, wo sie sich an die Sonne und die zickigen Weiber vom Nachbarbauern gewöhnen sollen. Fleckvieh, Pinzgauer, Angus-Rinder: die Palette ist so bunt wie der Charakter unserer Schützlinge, der sich schon beim ersten Mal Salzgeben zeigt: die Eingebildete, zu der du dich hinbemühen musst, um zu zeigen, dass du auch ihr etwas bieten kannst. Das schüchterne Mauerblümchen, das du erst in ein Gespräch verwickeln musst, bevor es auftaut. Die Vorsichtige, die dich heimlich beschnuppert (und anknabbert). Und die Unverschämte, die sich sofort an dich ranmacht und rempelt, wenn du nicht schnell genug das Lecksalz rüberwachsen lässt.

Vor die Tür gesetzt: Putzige Kreuzspinne
Picture by T. Micke

Auch ohne die Kühe wird es nicht langweilig: Bei unserem Einzug haben wir ein Dutzend grantiger Spinnen der Hüttentür verwiesen und nachgesehen, ob auch wirklich alle Mitglieder der Mäusebande, die hier im Winter rauschende Feste gefeiert hat, abgezogen sind. Und jetzt ist es eben höchste Zeit, gegen den Ampfer zu Felde zu ziehen. Denn in ein paar Wochen hilft wirklich nur noch das mächtige Schwert "Narsil" oder eine ähnlich große Machete.

Schon nach den ersten unbeholfenen Schwüngen ist klar: Hier hilft der Schnupper-Golfkurs, zu dem mich letztes Jahr ein "Freund" gezwungen hat: Die Handstellung ist ein bisserl anders, aber die einseitige Drehbewegung ist für den Rücken ähnlich ungesund. Nach einer guten halben Stunde steht fest: Abschlag auf dem Ampfer-Green ist für mich deutlich befriedigender. Während man als Anfänger beim Golf Gänseblümchen mordend nach den ersten Schlägen frustriert die zerstörte Grasnarbe zu vertuschen versucht, macht der angerichtete Schaden als frisch gebackener Sensenmann richtig stolz. Niedergestreckt liegen sie da, die "Sau-Plotschn", und werden in ein paar Tagen herrliches Ferkel-Futter abgeben. Und das Allerbeste ist: Man muss nachher nicht einmal nach dem verschollenen weißen Plastikbällchen suchen...


< Lesen Sie in Teil III dieser Serie: Kräuter, süß wie Schokolade

© Eine Reportage von T. Micke (25-06-06) – Kontakt