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"Brüllt die Kuh die ganze Nacht,
hat das Kälbchen durchgemacht..."
"Du bleibst jetzt hier dicht bei meinem Euter. Sonst gehst du noch zwischen all den Bäumen und Sträuchern verloren. Und der Viehhüter muss dich wieder suchen." – Muttersorgen sind auf der ganzen Welt gleich. Ob hier oder in Japan, ob Mensch oder Kuh. Rainas Standpauken-Tonfall war eindeutig. Und es war völlig klar, was die Mutterkuh zu muhen hatte, als unser Kälbchen Rosa, keine vier Tage alt, aber neugierig wie zehn Schweine, in einer windigen Regennacht spurlos von der Almhütte verschwand, um dann spät am nächsten Morgen plötzlich ganz unschuldig da zu stehen: Völlig durchnässt, aber ansonsten wohlauf und mit hungrigem Blick auf Mamas übervollen Euter.
"Warum hörst du nicht, wenn ich dich rufe? Das Essen ist fertig!", zeterte Raina am selben Abend, während Rosa seelenruhig in einer kuscheligen Grasmulde lümmelte und auf Mamas herzzerreißendes Gebrüll nur mit dem linken Ohrwaschl wackelte (womit sie sich dann allerdings verriet). Irgendwie beruhigend, dass auch Vierbeiner mit der Erziehung ihrer Halbstarken kämpfen.
Nach bald drei Monaten auf der Alm kann ich nun auch behaupten, dass ich als Viehhüter meine Truppe von 73 Jungkühen (für Laien) eindrucksvoll im Griff hab. Ein spezieller Ruf meiner vertrauenerweckenden Stimme, und die Damen kommen von allen Seiten daher. "Toll, du siehst aus wie der Moses der Kühe, wenn du das machst", meinte mein Bruder bei einem Kurzbesuch fasziniert: "Wie wenn du ihnen von deinem Felsen aus die zehn Kuh-Gebote verkündest." Ich nahm das unverhältnismäßige Kompliment bescheiden lächelnd an und erklärte ihm erst beim Abschied auf dem Bahnhof, dass diese Historienfilm-reife Szene wohl einzig durch das Viehsalz zustande kommt, das ich meinen Leckermäulern bei diesen Kundgebungen immer aus meiner "Plastik-Saliera" gebe. Er zuckte darauf mit den Schultern, bestieg den Zug und meinte: "Na und? Das machen Politiker doch im Grunde auch nicht anders. Nur dass deine Lockrufe ehrlich sind..."
Drei Wochen vor Almabtrieb werde ich nun hiermit meine letzte Brieftaube an die Redaktion von Kärnten nach Wien schicken und den Rest der Zeit die herbstliche Stille erproben, die sich jetzt schon rund um meine Hütte über der schönen Gailtaler Ortschaft Rattendorf ausbreitet.
Danach wartet wieder der Bürotisch, aber auch heißes Duschwasser auf Knopfdruck, eine Heizung, die ohne Holzhacken funktioniert, der lang ersehnte Besuch im Stammbeisel und im Kino. Wie sich all das Altbekannte neu anfühlt, was man mitnimmt von einem entbehrungsreichen, aber phantastischen Almsommer in Österreichs Bergen, und was man ab jetzt auch in der Stadt bestimmt anders macht, darüber werde ich dann noch einmal berichten.
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