Die Nachlese

Ein Stadtmensch als Viehhirte – Eine 13-teilige Serie für Aussteiger und Träumer

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Alm-Tagebuch: Illegale Auswanderer

Auch die schönste Weide auf einer Kärntner Alm wird offenbar mit der Zeit fad. Und wenn Kühe dann auf Abwechslung aus sind, ist Italien ja nicht weit...


"Hat das Rindvieh Langeweile,
will es auf die Partymeile..."

Kühe müssen auch gut unterhalten werden. Sonst hauen sie abxxx
Picture by Stefan Micke

Der absolute Alptraum eines Viehhüters: Zehn Kühe seit drei Tagen vom Erdboden verschluckt!

Es war ja nicht das erste Mal, dass ein paar meiner 73 Leder-Ladys das Gras auf der anderen Seite des Weidezauns verlockender fanden. Und wenn eine ausgeschlafene Kuh wirklich Appetit hat, dann sieht sie den Elektrozaun bestenfalls als Empfehlung des Hirten – wie bereits beschrieben. Selbst eine Stacheldraht-Begrenzung gibt oft nach, wenn sich ein erfahrenes Rind gekonnt mit der ganzen gut gepolsterten Flanke und ein paar hundert Kilo sanftem Druck dagegenlehnt. Würden sich Kühe an Regeln halten, bräuchte man ja keine Viehhüter.

Hoch über dem Kärntner Gailtal genießen meine "Mädels" derzeit das Rinder-Paradies auf Erden. Aber auch das kann offenbar fad werden. Und so blieb eine mehrtägige Suchaktion nach zehn Abgängigen in den angrenzenden Gräben und Wäldern erfolglos. Einzige verbleibende Erklärung: Die Damen sind über die Grenze auf dem karnischen Höhenweg nach Italien spaziert. "Auf einen ordentlichen Cafè Latte, in die Disco oder vielleicht Schuhe kaufen nach Tarvis mutmaßten die Kolleginnen im Büro in Wien wenig hilfreich."

Können verdammt schnell sein, wenn sie wollen: Kuh und Kalb
Picture by T. Micke

Als dann noch ein erfahrener Althirte aus dem Dorf meinte, es wäre früher schon vorgekommen, dass die lieben Nachbarn aus dem Süden vierbeinige illegale Grenzgänger einfach einkassiert und als die ihren markiert hätten, bekam ich in der dritten Nacht seltsame Alpträume: Die Rindermafia hätte meine Schützlinge mit Heupizza und gut gesalzenen Vollkorn-Spaghetti über die Grenze gelockt, sie von Fleckvieh auf Braunvieh umgespritzt, andere Hörner angeschraubt, die Kuhglocken am Schwarzmarkt in Bozen verschachert, italienische Kennzeichen in den Ohrläppchen montiert und sie nach Sizilien verschoben. Und als ich früh am nächsten Morgen mit Hilfskräften aus dem Dorf über die Gipfel gen Süden aufbrach, musterte ich jede noch so fremde Kuh die unseren Weg kreuzte argwöhnisch, um eventuell einen vertrauten Gang oder ein typisches Muhen wiederzuerkennen.

Meine Wanderung nach Italien war sehr schön und aufschlussreich. Ich stellte fest, dass man italienische Touristen schon zwei Hügelketten weit an ihrer Lautstärke erkennen kann, dass sie sich dann oft akustisch nicht sehr von den dort weidenden Schafen unterscheiden und dass die Schwarzbeeren drüben viel kleiner sind als bei uns. Aber meine zehn Vagabundinnen fand ich nicht.

Müde, hungrig und frustriert, weil ich meinen Viehhüter-Job nicht gut genug gemacht hatte, marschierte ich zurück zu meinem Restvieh. Mehr aus Gewohnheit begann ich zu zählen und kam völlig verblüfft auf 73.

Wenn Kühe schelmisch grinsen könnten, zehn von ihnen hätten es in diesem Moment bestimmt getan.


< Lesen Sie in Teil XII dieser Serie: Ein schwererziehbares Kind

© Eine Reportage von T. Micke (03-09-06) – Kontakt