Die Nachlese

Ein Stadtmensch als Viehhirte – Eine 13-teilige Serie für Aussteiger und Träumer

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Alm-Tagebuch: Ein neuer Star auf der Almbühne

Nachwuchs im kleinen Alpenzoo unseres Stadt-Viehhirten. Da überkommen den kühetreibenden Redakteur beinahe väterliche Gefühle.


"Schmeckt das Kalb nur Mistrückstände,
saugt es wohl am flaschen Ende..."

Der erste Atemzug eines neugeborenen Kalbes
Picture by T. Micke

Rosa hatte keine Lust zu warten, bis ihre Mama mit dem Abendessen fertig war. Raina, das Anti-Langeweile-Begleitrind unserer Milchkuh Ringale, hatte auf der Weide vor unserer Hütte gerade noch Zeit, ein letztes Grasbüschel hinunterzuwürgen, auffällig breitbeinig und wunderlich muhend in den Stall zurückzulaufen und sich in ein Eck zu legen. Da schauten auch schon Rosas Vorderhufe heraus. Minuten später war unser Almnesthäkchen, ein hübsches Fleckvieh-Mädel, da und wir so stolz auf Raina, als hätten wir irgendetwas dazu beigetragen, außer sprachlos zuzusehen und uns Sorgen zu machen. Aber die Natur erwies sich als perfekte Geburtshilfe.

Dabei waren wir wirklich auf das Schlimmste vorbereitet. Hatten uns Gräuelgeschichten aus dem Dorf angehört von stundenlangen Prozeduren, bei denen das Kalb mit Stricken an den Füßen herausgezogen werden muss. Oder wo die Mutter während der Geburt panisch aufgesprungen und weggelaufen war. Der Bauer hatte uns mit einer Nottelefonnummer versorgt, falls wir (und Raina) nicht zurechtkämen, und mit einer Anleitung nach dem Motto "Wie wird ein Stadtmensch zur Kälberhebamme."

Gehört ordentlich geputzt mit dem Mutterschlecker: Rosa das Kälbchen
Picture by T. Micke

Da lag sie nun, die kleine Rosa. Klatschnass und noch ein wenig zerrupft, aber komplett mit schön geflecktem Fell, einem lustigen Wuschelschwanz, großen Augen und langen Wimpern – und Riesenhunger. Eine Gemeinheit, dass man in der Rinderwelt erst stehen lernen muss, bevor man etwas zu Essen bekommt. Und dann diese blöden, wackelnden Zitzen, die immer in die falsche Richtung stehen und wieder aus dem Mund flutschen, wenn die Mama das hintere Standbein wechselt.

Verblüffend: Während die frisch gebackene Mutter ihre (bis jetzt) beste Fell-Freundin Ringale keine zwei Meter an Rosa heranließ, durfte ich bis in die allernächste VIP-Zone unseres kleinen Stars, um der erschöpften Mama Wasser und Heu zu servieren und der Kleinen beim Eutersuchen für die erste Milchjause zu helfen. Ich selbst hatte ja Tage gebraucht, bis ich halbwegs ordentlich melken konnte, und nun musste Rosa all das im Eiltempo lernen, um nicht vor vollem Euter zu verhungern. Ich hatte wirklich größtes Verständnis dafür, dass sie zuerst an Mamas Schwanz zu saugen begann...

Natürlich verriet ich Rosa alle meine Melkertricks (wie erreicht man am besten die hinteren Zitzen, wie muss man die Zitze erwischen, damit möglichst viel Milch herauskommt). Und ich glaube, dass Ringale, die bei all dem leicht verstimmt mit großen Kuhaugen aus der zweiten Reihe zusehen musste, mich seitdem endlich mit etwas mehr Respekt behandelt.


< Lesen Sie in Teil XI dieser Serie: Illegale Auswanderer

© Eine Reportage von T. Micke (27-08-06) – Kontakt