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Stammzellen: Der Trick der Eidechse

Braucht der Mensch wirklich Klon-Embryos für neue Therapien? Jetzt schon werden am Wiener AKH ethisch korrekt neue Nerven- und Muskel-Zellen "gezaubert". Und die Medizin der Zukunft wird sich wohl eher an der Eidechse orientieren als an Klon-Schaf Dolly.



Plazenta-Stammzellen die sich zu Nervenzellen entwickeln
Picture by AKH Wien

Stammzellenforschung im Unterholz: Eine Eidechse huscht von einem sonnigen Stein ins Gebüsch. Sie hat ihren Schwanz verloren und kann sich darüber eigentlich noch glücklich schätzen, weil sie mit knapper Not einem hungrigen Vogel entkommen ist. Als äußerstes Mittel greifen die Tiere zu diesem Trick, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, während der Angreifer mit dem entbehrlichen Stück Beute beschäftigt ist. Kein großes Malheur für das kleine Reptil. Es lässt den Schwanz einfach nachwachsen.

Großartig wäre das, wenn der Mensch das auch könnte: Ein Unfall, und das verletzte Glied wächst einfach nach. Auch Hermann Maier hätte sich nach seinem Motorrad-Unglück mit dem schwer lädierten Bein, das trotz seiner Erfolge nie wieder so sein wird wie früher, viel erspart.

Der Trumpf der Eidechse: Sie besitzt so genannte "adulte Stammzellen", die von der Natur genetisch so programmiert sind, dass sie bei Bedarf einen neuen Schwanz entstehen lassen. Das Wachstumsprogramm des erwachsenen Tieres wird wieder angeworfen, produziert neue Nerven-, Muskel- und Hautzellen und repariert auf diese Weise einen bei anderen Lebewesen irreparablen Schaden.

Bis jetzt kann der Mensch von derlei "Natur-Wundern" nur träumen, durch die Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer oder Alters-Zuckerkrankheit vielleicht der Vergangenheit angehören könnten. "Aber", wie Prof. DDr. Johannes Huber, Chef der Wiener Universitätsklinik für Frauenheilkunde und Vorsitzender der österreichischen Bio-Ethik-Kommission der Bundesregierung, im Interview erklärt: "Eigentlich steckt auch im Menschen dieses Potenzial der Eidechse, das wir aber erst verstehen und aktivieren lernen müssen."

Plazenta-Stammzellen die sich zu Muskelzellen entwickeln
Picture by AKH Wien

Dr. Huber: "Jede schwangere Frau ist ein Beispiel für die faszinierende Kraft der körpereigenen Stammzellen: Im Gehirn der Mutter vergrößert sich während einer Schwangerschaft das Riechzentrum, und die Bauchspeicheldrüse wächst um ein Drittel an. Beides Prozesse, die indirekt wichtig für das heranreifende Kind sind und die die Natur mit Hilfe von Stammzellen und ,magischen Proteinen in Gang setzt. Wir wissen nur noch nicht, wie das funktioniert."

Um die Behandlung und Heilung von Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson oder Herzmuskelschwäche geht es auch angeblich bei der Entwicklung des so genannten "therapeutischen Klonens". Die Idee dabei: Mit Hilfe der Eizelle einer Spenderin und einer (fast) beliebigen Zelle des Patienten, die seinen genetischen Code enthält, werden embryonale (also noch nicht auf irgendeine Aufgabe spezialisierte) Zellen "gebastelt". Diese sind dann ähnlich wie bei der Eidechse in der Lage, sich zu vermehren und in jede beliebige vom Patienten benötigte Körperzelle weiterzuentwickeln. Bis vor kurzem schlugen aber diese Versuche an menschlichen Zellen fehl.

Koreanische Forscher haben es nun vor einigen Wochen erstmals geschafft, menschliche embryonale Stammzellen durch Klonen zu erzeugen. Die Aufregung war groß. Denn, hätten die Wissenschafter dieses unnatürlich entstandene Zellknäuel weiter wachsen lassen und es einer Leihmutter eingepflanzt, hätte daraus theoretisch der erste geklonte Mensch werden können. Theoretisch deshalb, weil auch beim Schaf Dolly 277 Embryonen nötig waren, um ein einziges (inzwischen frühzeitig verstorbenes) Tier entstehen zu lassen. Auch wird selten erwähnt, dass es als "Abfall-Produkt" fünfzig Klon-Geschwistertiere mit Fehlbildungen gab.

Reproduktives Klonen, wie es inzwischen immer mit hohen Fehlerquoten schon bei Mäusen, Kühen und anderen Tieren scheinbar routinemäßig praktiziert wurde, ist also mehr ein Lotteriespiel nach dem Motto: "Irgendwann wirds schon klappen". Denn, wenn auch technisch möglich, das frankensteinartige Zusammenbauen einer jungen Zellhülle mit einem alten Zellkern war und ist in der Natur einfach nicht vorgesehen: Es ist ein Rückwärtsschritt in der Entwicklung der Zelle, ein Trick, den die Natur bereits trotzig quittiert: Geklonte embryonale Stammzellen haben im Gegensatz zu natürlichen Stammzellen zu viele "stumme Gene", wie die Forscher sagen. Die Folge sind beim heranwachsenden Lebewesen in vielen Fällen Fehlfunktionen und Missbildungen, bis hin zu Krebs.

Dr. Johannes Huber: "Die Klonexperimente der Koreaner und all derer, die sie jetzt zu wiederholen versuchen, sind wichtig für die Grundlagenforschung. Damit wir vielleicht irgendwann verstehen, wie Leben funktioniert. Aber für die praktische Medizin gibt es viel bessere, verlässlichere und natürlichere Quellen für die begehrten Stammzellen."

Hubers Kollege am AKH, der Genetiker Dr. Markus Hengstschläger, ließ vor einem knappen Jahr weltweit aufhorchen, weil es ihm gelungen war, im Fruchtwasser schwangerer Frauen Stammzellen mit den begehrten Alleskönner-Eigenschaften embryonaler Stammzellen nachzuweisen. Und Dr. Borislava Pavlova, die im Wiener Allgemeinen Krankenhaus im Auftrag von Dr. Huber forscht, ist es dieser Tage gelungen, aus Plazenta-Zellen, die bei der Geburt als hochwertiges Abfallprodukt anfallen, Nerven- und Muskelzellen zu entwickeln (siehe Fotos 1 und 2). Möglicherweise eine Weltsensation. Denn diese neugeschaffenen Zellen scheinen die einzigartige Eigenschaft der Plazenta übernommen zu haben, dass sie von einem fremden Organismus nicht abgestoßen werden. Sie könnten also nach umfangreichen Tests für jeden Patienten eingesetzt werden, ohne, dass man zeitaufwändig auf dessen persönliches Zellmaterial zurückgreifen müsste.

Wie könnte nun die Zukunft der Medizin aussehen, wenn Stammzellen-Therapien in zehn bis zwanzig Jahren den gesamten Berufszweig revolutionieren? Wird bald jeder, der es sich leisten kann, in einer Bio-Bank ein Depot mit persönlichen Stammzellen anlegen, die, von Laborpersonal über Jahre gehegt, gepflegt und weiter kultiviert, im Krankheitsfall zum Einsatz kommen?

Dr. Huber: "Ich könnte mir eher vorstellen, dass wir irgendwann die Eidechsen-Technik beherrschen lernen. Es wäre um so viel eleganter, wenn wir in Zukunft nur noch einen speziellen Cocktail zu uns nehmen müssten, der dann einen Reparatur- und Regenerierungsprozess von Leber, Niere, Herz oder im Fall von Parkinson der Nerven in Gang setzt. Da allerdings beginnt dann die wirklich schwierige ethische Diskussion: Wenn wir all diese Leiden heilen, fehlerhafte Organe reparieren können, dann werden die Menschen vermutlich noch sehr viel älter werden als heute. Und dann stellt sich irgendwann die Frage: Welche Lebenserwartung kann eine ohnehin schon überalterte Gesellschaft vertragen, damit sie weiter funktioniert? Und: Soll man dann etwa auch die Lebenserwartung des Menschen steuern?"


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© Eine Reportage von T. Micke (07-03-04) – Kontakt