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Äthiopiens Simien Mountains: Das Tal der 100 Stimmen

Mit Koch, Übersetzer und Scout im Zelt allein durch den Nationalpark Simien Mountains im Norden Äthiopiens. Eine ganz ungewöhnliche "Kaffee-Pause" in einem Dorf aus einer anderen Zeit. Ein spektakulärer Reisebericht – wenn Sie etwas Zeit zum Lesen haben...



Frauen im Dorf Dihwara in den Simien Mountains
Picture by T. Micke

Eine Nacht wie die Hölle! In meinem Schlafsack haben sich Flöhe eingenistet. Matthias, mein weiser Freund bei der Blindenmission in Addis Abeba, hat mich ja schon gewarnt: "Ab 3000 Meter pass auf in Äthiopien", meinte er. "Da sind die Biester überall. Hungrig wie Aasgeier und aggressiv wie meine Schwiegermutter."

Habe bei unserer Ankunft im Lager Chenek sofort zum Insektenvertilger gegriffen, Schlafsack, Jacke, Pullover und Schuhe eingesprüht. Und heute Abend zur Sicherheit noch ein Autan-Vollbad. Ein Gestank im Zelt, dass mir schon selbst ganz mulmig ist.

Sinnlos. Ich kann fühlen, wie sie mein Knie hinauf krabbeln. Stundenlang arbeiten sich die Biester durch sämtliche Schichten meines Zwiebel-Outfits, während draußen über der Hochebene das Gewitter tobt: Drei paar Socken, zwei Hosen, drei T-Shirts, zwei Hemden, der Pulli und die Fließjacke. Mein rechter Unterschenkel scheint besonders delikat zu sein. Die reinste Blutorgie!

Irgendwann nach Mitternacht ist plötzlich Ruhe. Auch Flöhe brauchen Schlaf. Dafür ist es jetzt so kalt, dass ich in meiner Verzweiflung die Thermoskanne mit heißem Tee zu den Füßen in den Schlafsack schiebe. Bei einer ungeschickten Beinbewegung reißt im Dunkeln der Reißverschluss in der Mitte auf. Und zwischen zwei mächtigen Donnerschlägen verwandelt sich der Regen in Hagel. Dicke Körner trommeln in einem ohrenbetäubenden Stakkato auf das Überzelt, dass ich Angst habe, es könnte den Stoff zerfetzen. Dann zieht das Gewitter weiter.

Resignierend rolle ich mich auf den Bauch, ziehe Arme und Beine an, versuche die kaputte Schlafsack-Naht irgendwie abzudecken ohne die Flöhe wieder aufzuwecken. Reparieren kommt jetzt nicht in Frage. Dann mache ich den Rest der Nacht kein Auge mehr zu.

Der erste Hahnenschrei. Nichts wie raus. Neben den klammen Bergschuhen im Vorzelt liegt der Trinkwasserbeutel. Über Nacht hat sich eine dünne Eisschicht gebildet. Der erste Lichtstrahl, der durch den Reißverschluss schießt, treibt mir die Tränen in die Augen. Unglaublich! Blauer, wolkenloser Himmel über den versteinerten Vulkantürmen der "Mamma". Das nächtliche Flohdilirium ist mit einem Schlag vergessen. 3600 Höhenmeter, und die Lottozahlen sind berechenbarer als das nordäthiopische Bergwetter.

Pavianfamilie mit Jungen in Äthiopiens Simien Gebirge
Picture by T. Micke

Schon um diese Zeit tummeln sich auf den taunassen Steilhängen Dutzende Gelada-Baboons, die einzigartigen Bergpaviane des Simien-Nationalparks. Groß und zottelig thront auf einem Felsen der alte Patriarch mit der imposanten Silbermähne und dem langen, buschigen Schwanz, umgeben von seinen Untertanen. Fünfzehn Weibchen und Jungtiere, die mit beiden Händen Grasbüschel aus dem feuchten Boden rupfen, die nahrhaften Wurzeln wie Spargel in sich hinein schlemmen, während die Kleinsten, kaum größer als eine Handfläche, fiepsend und quietschend dazwischen fangen spielen.

Warum diese Basaltzinne, die auf der linken Flanke gut 400 Meter senkrecht in eine Schlucht abbricht, ausgerechnet "Mamma" heißt, hatte ich gestern David, meinen 26-jährigen Guide gefragt. Wir waren nach dem Abendessen bis zur Steilkante gegangen, um die herandröhnende schwarze Gewitterfront den glosenden Sonnenuntergang verschlingen zu sehen.

"Mamma heißt dieser Berg", holte David mit bedeutungsvollem Ton aus, sodass ich mich auf eine jener großen äthiopischen Mähren voll Tiefsinn und Weisheit gefasst machte, "weil einst ein Mann allein durch dichten Nebel zum Gipfel stieg. Oben pfiff ihm der Wind um die Ohren, der Regen peitschte in sein Gesicht, und die Umrisse der Riesenlubelien schwankten wie Dämonen. Der Mann fühlte sich allein und so einsam, dass er aus Leibeskräften seine verstorbene Mutter anrief. Und weil man sein Geschrei noch im Talkessel unten im Dorf Dihwara hören konnte, heißt der Berg seit damals Mamma."

Samuel, der einheimische Koch, der mich von der alten Kaiserstadt Gondar aus begleitet hat, stellt mir mein obligates, morgendliches Spiegelei auf den Campingklapptisch. Dazu gibt es geröstetes Weißbrot mit köstlichem Wabenhonig und schwarzen Tee. Bei diesen Morgentemperaturen wird in fünf Minuten alles kalt sein: "Eistee und Eiglibber an gestocktem Olivenöl". Nein Danke! Hastig schlinge ich das Essen in mich hinein. Schade nur um das tolle Frühstückspanorama. Dieser atemberaubende Blick vom Lagerplatz Chenek 800 Meter hinunter und hinein in die Schlucht, die sich wie ein gewaltiges römisches Freiluft-Theater aus einem steinernen Halbkreis nach Norden hin öffnet.

Das Dorf Dihwara in den Simien Mountains liegt in einem abgelegenen Talkessel
Picture by T. Micke

Unten auf der "Bühne" steht das Hundert-Einwohner-Dorf Dihwara, zu dem wir heute aufbrechen wollen. Vorgestern hatten David und ich uns nach einer Tagestour bis in 4300 Meter Höhe durch märchenhaftes Moorland voll der seltenen Riesenlubelien zwei Stunden lang zum Ausruhen an diese Steilkante mit Blick auf Dihwara gesetzt. Da war es dann auf einmal um mich geschehen. Nicht der Ras Dashen, der mit 4620 Meter höchste Berg Äthiopiens und vierthöchste Gipfel Afrikas würde zum krönenden Abschluss meiner Reise zum Weltkulturerbe "Simien Mountains" werden, sondern dieser so seltsam anziehende versteckte Ort.

"Wenn die Menschen aus Dihwara in die nächste richtige Stadt, nach Debark, wollen," hatte David erzählt, "dann müssen sie zuerst vier Stunden über einen schmalen, steilen Pfad zu uns herauf klettern, denn das Tal nördlich von Chenek hat keinen Ausgang. Nur der Regen kann unten über einen Wasserfall hinaus." – Ein Weg wie ein Nadelöhr, zu eng für jedes Fahrzeug, sogar zu ausgesetzt für einen beladenen Lastesel. Und dann kommt erst die Hochebene, dann liegt Debark noch einmal zwei Tagesmärsche entfernt, wo man Getreide gegen ein Vorhängeschloss und Scharniere für die Wohnungstür tauschen kann.

Ungläubig war ich am Rand der Schlucht gesessen, hatte dem gutgenährten Lämmergeier zugesehen, der so mühelos mit der warmen Abendluft zu uns herauf segelte. Sogar Hunde konnten wir von hier oben zwischen den runden Strohhütten, den Tukuls, bellen hören. Ein Hahn krähte. Das Weinen eines Kindes irgendwo. Und dann legte sich sanft die Dunkelheit über das Tal, wie ein stummes Lauffeuer stieg die Stille aus den Hütten zu uns herauf und nur noch das Glucksen der Lachpapageien hallte aus den Felsnischen herüber. Der Ras Dashen Terara, sowieso nur eine unwesentliche Erhebung in einem endlosen Bergkamm gespickt mit 4000er-Zipfeln, war auf einmal belanglos geworden.

Bei unserem heutigen Ausflug werden David und ich von einem Scout begleitet, den mir die Nationalpark-Verwaltung zur Seite gestellt hat. Eigentlich heißt er Bowkeht, mit "Bogart" tue ich mich angesichts einer verblüffenden Ähnlichkeit aber leichter. Und als ich ihm sage, dass er der Zwillingsbruder eines berühmten amerikanischen Schauspielers sein könnte, trägt er seinen neuen Spitznamen mit Hollywood-verdächtiger Würde.

Der Scout in den Simien Mountains von Äthiopien ist mit einer Kalaschnikow bewaffnet
Picture by T. Micke

Über seiner Stola trägt Bogart eine Kalaschnikow aus der kommunistischen Ära vor 1991, als die Sowjets Äthiopien noch mit Waffen versorgten. Nach Guerilla-Art legt er sich die alte Maschinenpistole quer über die Schultern wie wenn es zu einer Kreuzigung ginge und führt uns zum Einstieg in die Schlucht.

Von den starken Niederschlägen der Nacht und der kräftigen Sonnenstrahlung beginnt der Boden um uns herum zu dampfen. Zielstrebig steuert Bogart auf eine Stelle am Abriss der Hochebene zu, an der von unten Wolkenfetzen wie durch einen Kamin senkrecht nach oben schießen. Die letzten zwei Meter robbt er sich vorsichtig auf allen Vieren an die Kante heran, die Kalaschnikow immer an seiner Seite, als könne jeden Moment ein übermächtiger Feind von jenseits der Klippe aus seinem Versteck springen.

Bogart, der bergerfahrene Scout und Spurenleser auf allen Vieren? Derselbe, der vorgestern mit schlafwandlerischer Sicherheit ganze Kletter- und Kraxelpassagen der Stufe 2 und 3 mit seinen schlechten, ausgetretenen Wanderschuhen einfach hinunter gegangen war wie auf einer Rolltreppe? Da muss schon etwas besonders an dieser Kante sein.

Als David und ich uns der Stelle nähern, ist uns schlagartig klar, warum. Die Hochebene bricht hier nicht nur ohne Vorwarnung nach unten weg. Der eigentliche Nervenkitzel besteht darin, dass wir uns auf einem gewaltigen Überhang befinden. Ein wenig knieweich liege ich jetzt neben Bogart auf der Lauer und versuche seinem konzentrierten Blick in die Tiefe zu folgen. Die Schlucht ist jenseits des Überhangs nach ein paar herabgestürzten Trümmern gänzlich mit Wald zugewachsen. Weiter rechts lichtet sich die Baumdecke dann wieder in ein steil aufsteigendes Geröllfeld. Wortlos und in Zeitlupe deutet Bogart in die Felshalde hinein.

Steinböcke! "Der Walia Ibex", raunt mir David ins Ohr. Ganze 500 Stück soll es weltweit noch von diesen speziellen Tieren geben. Und zwar nur hier, im geschützten 22.000 Hektar umfassenden Simien Park. Unten auf dem Geröllfeld spaziert gerade eine ganze Herde vorbei. Fünf, zehn, siebzehn Tiere zählen wir, darunter drei stolze Männchen mit mächtigen, geschwungenen Höckerhörnern. Selbst Bogart, der Schweigsame, ist plötzlich völlig aus dem Häuschen.

Als die Steinbockfamilie hinter einem Vorsprung verschwunden ist, steigen wir in die Schlucht ein. Mit Händen und Füßen müssen wir uns über das spiegelglatt gewaschene Basaltgestein nach unten hanteln. Die feuchte Walderde unter den Schuhen macht den Abstieg über die Felsen zu einer haarigen Schlitterpartie. Mit Klettergurt und Seil würde ich mich hier bedeutend wohler fühlen.

"Und das hier ist auch der Weg, den die Bauern aus Dihwara gehen müssen?", frage ich David skeptisch. Erraten: "Es gibt noch einen zweiten, nicht ganz so ausgesetzten Pfad, aber der ist auch nicht viel besser."

Kein Wunder, dass kein einziges Haus im Dorf ein Dach aus Wellblech hat, wie sonst in dieser Region üblich. Ein Ding der Unmöglichkeit so sperriges Baumaterial hier entlang zu transportieren.

Am Ende der Einschlagschneise übernimmt ein märchenhafter Urwald das Kommando. Erika, in unseren Breiten ein Kräutlein, höchstens ein Strauch. In dieser Höhenlage ein drei Meter hoher, riesenwüchsiger, knorriger Baum, an dessen Zweigen federleichte Moosfetzen im Wind baumeln. "Das ist Usnea, eine Moosart aus der Eiszeit", erklärt mir David. "Wo diese Flechten wachsen, sagt man bei uns, ist die Luft besonders rein und frei von bösen Geistern." Bei jeder kleinen Böe erheben sich tatsächlich die Moosfahnen des Waldes und tanzen wie freundliche Gespenster im Takt zu einer unsichtbaren Melodie.

"Mein Vater", sagt David, "nützte früher dieses Windmoos, um beim Anpirschen auf der Jagd die feinen Nasen der Antilopen auszutricksen."

Nebel, besser gesagt, eine ganze Wolkenbank legt sich watteartig in den Wald hinein. Bogart verschwimmt zwischen den verwachsenen Erika-Riesen mit seiner Kalaschnikow zu einer unheimlichen Scheme.

Hirtenbub auf Ziegensuche mit Peitsche im Simiengebirge von Äthiopien
Picture by T. Micke

Plötzlich ruft jemand hoch über uns von oberhalb der Baumgrenze. Das Echo springt im Zickzack von einer Wand zur nächsten, hallt dreimal zurück. Danach Stille. Von links kommt nach ein paar Sekunden die Antwort, ein unmelodisches Jodeln, rhythmisch, mit kurzen Pausen zwischen den einzelnen Lauten. Noch ins Echo hinein folgt die Antwort des ersten durch die Wolkendecke über uns. "Einer der Hirtenjungen hat ein Schaf verloren", übersetzt David Bogarts gemurmelte Erklärung. "Der andere kann es von seiner Position aus offenbar sehen und zeigt seinem Kollegen die Richtung an." Eine gute halbe Stunde lang kommt von oben immer wieder die gejodelte Anfrage – und von links die Antwort des zweiten Hirten. Die erste Stimme wandert über unseren Köpfen langsam nach rechts. Die zweite weist ihr den Weg. Dann ein geller Pfiff, der weit bis ins nächste Tal trägt. Bogart lauscht, nickt schließlich zufrieden und lächelt. Das verlorene Schaf ist gefunden.

Die Wolkendecke hebt sich wie eine Federboa, schwimmt an der Kante zur Hochebene entlang und schwappt langsam darüber wie über eine Hafenmauer. Vor uns öffnet sich das Tal. Das Dorf Dihwara liegt zu unseren Füßen in der Mittagssonne. Wir machen auf einem Felsvorsprung Rast.

Fein säuberlich aneinander gereiht bis weit in die Steilhänge hinein ragen links und rechts des Dorfes die Getreidefelder. Die Bauern brechen mit je zwei eingespannten Ochsen und einer einzeiligen Pflugschar die mit Unkraut bewucherte Erde auf. Peitschen knallen, wenn die Tiere nicht mehr weiter wollen. Aufmunterndes, oft auch frustriertes Zurufen. Gelächter. Pfiffe. Die Akustik zwischen den Felswänden ist glasklar, man kann sogar die Viehhirten über einen halben Kilometer weit niesen hören.

Unter uns in der Siedlung spielen Kinder, Frauen tragen auf dem Kopf Wasser in Tonkrügen von der Quelle. In ein Tuch gewickelt auf dem Rücken schläft meist seelenruhig ein Baby. Zwei weißbärtige Männer mit Gehstock stehen barfuß auf dem Dorfplatz und plaudern über alte Zeiten.

Plötzlich beschleicht mich die Panik. Eigentlich will ich gar nicht hinunter in dieses Dorf, Fremder, Eindringling sein, den Rhythmus dieses wunderschön sonnigen, ganz normalen Tages verändern: Ein Mensch, weiß wie Käse mit bleichem Haar und seltsamer Kleidung im Mittelpunkt. Es wird wieder dieses Staunen beginnen. Das entrückte Starren der Überrumpelten über die Ankunft eines Außerirdischen. Verwunderung? Vielleicht Neid? Womöglich Wut? Es wäre schade drum.

Eine kleine, abgeschlossene Welt. Steinerne Wände links und rechts wie die schützende Schale einer Auster. Ein Dorf wie eine letzte Perle in einem Zeitmeer voller Strömungen und Stürme.

Vor tausend Jahren muss es so wie hier gewesen sein in den Alpentälern meiner Heimat: Jodeln, um von einer Alm zur nächsten zu kommunizieren, ein verlorenes Tier wieder zu finden. Ein knochenharter Alltag auf dem Feld. Und ständig die bei uns unbekannte Sorge um die Kranken, die Neugeborenen und die Alten, weil Medizin oder gar ein richtiger Arzt eine Weltreise entfernt sind.

Heute sind dort in den Alpentälern Asphaltstraßen, die Handel und Gäste bis in den hintersten Winkel tragen. Sessellifte, um tausend Meter Schlucht in wenigen Minuten zu überwinden . . .

Ich versuche David meine Angst zu beschreiben: Ich wäre so ähnlich wie ein scheinbar unbedeutender Kiesel in einen ruhenden See geworfen, der beim Auftreffen Ringe bildet, immer größere, unaufhaltsame Ringe die Unruhe und Unfrieden bringen. "Aber diese Ringe glätten sich doch wieder", kontert David grinsend. "Und dann ist es wieder wie vorher."

Ich bin nicht überzeugt. Fast zwei Stunden sitzen wir auf der Anhöhe über Dihwara. Ich kann mich kaum satt sehen an der Einfachheit der Szenen auf dieser "Bühne der Vergangenheit". Magisch ist dieses Dorf, beinahe göttlich aus dieser Perspektive. Wie ein in Ton und Bild farbenreich erzählte Geschichte, die, solange ich mich nicht vom Fleck rühre, kein Ende hat. Weil ich mir keines wünsche.

Aber will ich ein Märchen mit nach Hause nehmen? Ein romantisches Klischee von etwas, das eigentlich so nicht ist? In Wahrheit viel intensiver, härter, schmerzvoller, als ich verwöhnter Mitteleuropäer aus dem 21. Jahrhundert es mir vorstellen kann?

David stößt mir sanft seinen Ellenbogen zwischen die Rippen: "Bist Du eingeschlafen, Freund? Komm, lass uns doch hinunter gehen. Ich war noch nie hier. Und Bogart hat einen Bekannten, den wir besuchen können. Kennst Du die äthiopische Kaffeezeremonie?"

Zögernd trotte ich meinen beiden Begleitern nach. Jetzt ist der Kieselstein unterwegs. Fliegt in einem lange Bogen hinaus über den stillen See – und durchbricht schließlich mit einem weithin hörbaren "Platsch!" die Wasserfläche.

Ein etwa 40-jähriger Mann sitzt an einem selbstgezimmerten Webstuhl aus Ästen und Rindensträngen. Um ihn herum tollt ein halbes Dutzend Kinder, die jetzt zu Salzsäulen erstarren, als wir uns nähern. Mit den großen Zehen zieht der Mann an zwei Schnüren, die das eingespannte weiße Tuch vor ihm heben und senken. Dazwischen schießt er ein Schiffchen aus Ziegenknochen mit dem daran befestigten Faden von links nach rechts. "Das Weben der traditionellen Gewänder ist in diesem Teil des Landes Männersache", erklärt mir David den etwas ungewohnten Anblick. "Die Frauen spinnen nur die Wolle zu Garn."

Eine junge, hübsche Frau kommt auf uns zu, begrüßt erst Bogart und David, dann mich. An den Fingern trägt sie drei schlichte silberne Ringe. Unglaublich grob ist die Haut ihrer Handflächen. Mein Großvater, der Schuhmacher war, hatte solche Hände, kräftige Pranken auf den Innenseiten wie ungegerbtes altes Leder. Meine sind dagegen wie die eines Babys. Beinahe schäme ich mich dafür. Aber das ist wohl das wenigste, dass ihr und den Frauen und Kindern, die uns jetzt kichernd und tuschelnd umringen, an meiner Erscheinung exotisch vorkommt.

Kaffee-Zeremonie in einem kleinen Dorf in Äthiopiens Simien Mountains
Picture by T. Micke

"Sie will uns zum Kaffee einladen. Möchtest Du oder sollen wir lieber gehen?", fragt mich David, der meine übertriebene Ehrfurcht von vorhin noch nicht vergessen hat. Amralign führt uns zu ihrem Haus, in einen Hof, der von dichten, stacheligen Büschen umzäunt ist. "Das ist Solanum geometricum, eine Nachtschattenpflanze", liefert mein Begleiter prompt die Erklärung. "Die reifen, gelben Früchte dieses Strauchs haben dieselbe Funktion wie Seife. Äthiopische Bauersfrauen in abgelegenen Regionen waschen ihre Wäsche damit." Eine unglaublich wehrhafte Pflanze. Sogar die Blätter tragen an Ober- und Unterseite zwei Zentimeter lange, nadelscharfe Stacheln. "Jemal, mein Mann, arbeitet auf dem Feld", sagt Amralign, "aber er wird nachkommen. Ich habe schon jemanden nach ihm geschickt."

Drinnen im Tukul ist es finster, aber dafür erstaunlich kühl. Es braucht ein paar Minuten, bis sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Die Wände aus Lehm und Ästen reichen etwa bis in Bauchhöhe, darüber wölbt sich ein Dach aus dicht gebundenem Weizenstroh. Links vom Eingang kokelt eine offene Feuerstelle, darum herum lädt eine Sitznische aus Lehm, die mit Ziegenhäuten ausgelegt ist, zum Plaudern ein. Rechts von der Tür ist der Hühnerstall bis in ein Meter Höhe, darüber, in einer eingezogenen zweiten Etage, ein breites Schlaflager aus Stroh und Tierfellen für das Paar. Die hintere, zweite Hälfte des Hauses dient, durch eine dünne Lehmwand abgetrennt, als Vorrats- und Lagerraum. Und Amraligns dreijähriger ältester Sohn schläft dort.

Die Nachbarsfrauen, Mütter und Großmütter, trudeln nach und nach ein. Jede von Ihnen legt Amralign eine Handvoll grüner Kaffeebohnen in die Röstpfanne, damit der "Buna", der typische äthiopische Kaffee, auch für alle reicht. Als nach einer Viertelstunde Jemal zur Tür hereinkommt, zähle ich insgesamt siebzehn Personen, die sich scherzend und gestikulierend in der erstaunlich geräumigen Hütte um das Feuer scharen. Schade, dass ich nicht Amharisch kann. David muss mir jedes Wort übersetzen.

Jemal und Amralign sind ein besonders hübsches Paar. Er 27, sie 21. Vor neun Jahren haben die beiden geheiratet. Amralign war demnach damals 12. Ihren zweiten Sohn, noch kein Jahr alt, hat Sie in einer ledernen Trage beinahe unsichtbar unter einem bunten Umhang immer bei sich auf dem Rücken. Nur manchmal, wenn sie sich vorbeugt, lugt ein kaffeebraunes Füßchen oder der splitternackte Po des schlafenden Buben unter dem Tuch hervor.

Jemal bietet seinen Gästen gekochte Erbsen zum Naschen an. Dann kommt zum Knabbern ein Korb frisch geröstete Gerste dazu. Jemal nimmt sich eine Handvoll, reibt die Körner gekonnt zwischen den Fingern, lässt sie von einer Hand in die andere rieseln und bläst dabei sanft auf die fallenden Kerne, sodass die Spelzen davon fliegen. Die gesäuberte Gerste schüttet er mir mit einem warmen Gastgeber-Lächeln in die rechte Hand.

Ein prächtiges Jelada-Baboon-Männchen in den Simien Mountains vom Äthiopien
Picture by T. Micke

Während sich die Besucher über die Getreidesorten unterhalten, die heuer noch vor der zweimonatigen Regenzeit gesät werden müssen, beginnt Amralign den Kaffee für ihre Gäste zuzubereiten. Als erstes werden die rohen Kaffee-Kerne in der Wok-ähnlichen Pfanne gewaschen. Amralign walkt und massiert die grünen Bohnen mit der rechten Hand, rhythmisch, routiniert und kraftvoll. Dann wird vorsichtig das Schmutzwasser abgeschüttet und die Pfanne über der Glut auf drei gleich große Steine gestellt.

Während sich die ersten Bohnen unter ständigem Treiben mit einem Holzspan langsam von Grün nach Gelb verfärben, wechselt das Gesprächsthema. Die Diskussion dreht sich um den Mann von nebenan, der vor einer Woche unter fürchterlichen Schmerzen einen Zahn verloren hat. Niemand versteht warum. Ich werde um meine Meinung gefragt, und David erklärt mir, dass man in ländlichen Gegenden oft von weißen Besuchern heilende Medizin und weisen Rat erhofft. Etwas hilflos frage ich zurück, ob und womit sich die Bewohner des Dorfes denn die Zähne putzen. "Die trockenen Zweige des Olivenbaums haben eine so faserige, bürstenartige Struktur", übersetzt mir David Jemals Antwort, "dass man sich damit und mit etwas Wasser ganz hervorragend die Zähne putzen kann."

Mittlerweile kaue ich an meiner dritten Handvoll Gerstenkörner, weil Jemal nicht aufhört meinen Vorrat aufzufüllen und von seinem Gast kein Nein akzeptiert. Die Kaffeebohnen sind inzwischen schwarzbraun, so, wie man sie bei uns kennt. Der kräftige Duft, der aus der Röstpfanne aufsteigt, berauscht wie eine verlockende Parfumkomposition.

Amralign schüttet die gerösteten Bohnen in einen großen, hölzernen Mörser, setzt statt der Pfanne eine Kanne mit Wasser auf die Steine und zerstampft die duftenden Bohnen mit kraftvollen Stößen zu Pulver.

Auf einmal rückt Bogart, der bisher stumm vor sich hin sinnierend in der Ecke neben seiner Kalaschnikow Gerste gekaut hat, ein Stück zum Feuer und beginnt auf Amharisch zu erzählen: "Die Kaffeezeremonie verbindet den Menschen mit den vier Naturelementen. Denn der Kaffee ist eine Frucht der Erde, im Feuer wird er geröstet, bis die Luft seinen Geschmack aufnimmt, um dann mit dem Wasser verbunden zu werden zu einem Getränk. Dieser Trunk enthält die Kraft der vier Elemente und gibt sie weiter an den Menschen, der im Gespräch um das Feuer wiederum die Gemeinschaft stärkt." – Mit dem letzten Satz strahlt mir Jemal aus der Dunkelheit entgegen, dass ich seine weißen Zähne aufblitzen sehe und streckt mir zum Freundschaftsgruß seine Hand entgegen.

Vorsichtig leert Amralign den zerstampften Kaffee in das siedende Wasser. Ein paar der Frauen huschen bei der Tür hinaus, um von zuhause zusätzliche Gläser zu holen. Alles wird sorgfältig mit heißem Wasser ausgespült. Dann wird der Buna von Amralign ausgeschenkt. Schweigend trinke ich die so sagenhaft präsentierte Mischung aus Erde, Wasser, Feuer und Luft. Mit nichts ist dieser Kaffee vergleichbar, nicht einmal mit einem edlen italienischen Espresso, so wertvoll fühlt sich das Glas in meiner Hand an.

Gerade als Amralign uns zum traditionellen zweiten und dritten Aufguss einladen will, mahnt Bogart zum Aufbruch. Wir haben noch vier Stunden Aufstieg vor uns, und draußen vor dem Tukul lauert bereits die nächste Regenfront.

Jemal begleitet uns bis zur Dorfgrenze und winkt uns mit seinem ältesten Sohn an der Seite nach, bis wir den Erika-Urwald erreicht haben. Der Wind frischt auf, die Moosgeister beginnen wieder zu tanzen. Diesmal nehmen wir den Weg auf der anderen Talseite, hinaus aus der Schlucht, zurück auf die Hochebene. Ein heimatlich vertrauter Duft steigt mir in die Nase. Der Boden auf dieser Seite des Canyons ist bedeckt mit den lilafarbenen Blüten von wildem Thymian.

Wasserfall in Äthiopien
Picture by T. Micke

"Was macht ihr mit dieser Pflanze?" frage ich David blauäugig, noch ganz verzaubert von der hübschen Amralign. "Wir kochen unsere Spaghetti damit", ist die entwaffnend banale Antwort.

Aufstieg zurück zu dem, was wir so selbstvergessen "Zivilisation" nennen. Vorbei an der Felshalde der seltensten Steinböcke der Welt. Hinauf über endlos steile, rutschige Serpentinen zwischen wildem Philodendron und aggressiven Seifenbüschen. Als wir keuchend nach 800 Höhenmetern den oberen Rand der Schlucht erreichen, fallen in der Abenddämmerung die ersten, dicken Tropfen. Von Chenek herüber kann ich dafür schon eine dünne Rauchfahne neben meinem Zelt ausmachen, die sich in den regenschwarzen Himmel kräuselt: Samuel zaubert bereits das Abendessen.

Morgen wird uns ein Geländefahrzeug abholen, mich zurück nach Debark und nach meinem Abschied von David und Bogart weiter nach Gondar bringen. Übermorgen bin ich wieder in Addis Abeba und werde Matthias von seinen Schwiegermutter-Flöhen berichten. Dann sitze ich in der Lufthansa-Maschine nach Frankfurt, lasse mir von der Stewardess ein Essen in Alufolie und Zellophan servieren und stelle auf meiner Armbanduhr die Zeit um. Wie ging das noch? Zwei Stunden zurück in die Vergangenheit? – Eher Tausend Jahre und zwei Stunden in die Zukunft. Bis dahin ist mein Kieselstein hoffentlich auf den Grund des Sees gesunken und das Echo, das er an der Wasseroberfläche hinterlassen hat, verklungen. Hoffentlich.


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© Eine Reportage von T. Micke (03-04-02) – Kontakt