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Äthiopien-Reise: Am Hof des Bergkönigs

Ein Felslabyrinth hoch im Norden Äthiopiens ist die Heimat eines einzigartigen Steinbocks. Wie in Österreichs Alpen thront er dort über einem schneebedeckten Reich. Allerdings hat er statt Murmeltieren Paviane als Untertanen. Wir machten uns auf die Suche nach Afrikas Bergkönig.



Hirtenbub auf Ziegensuche mit Peitsche im Simiengebirge von Äthiopien
Picture by T. Micke

Das Ehrlichste an diesem Auto ist die stabile Seilwinde, die vorn gleich zischen Kühlergrill und Stoßstange auf den ersten Notfall lauert. Das Fahrzeug selbst, ein roter Nissan Patrol, wurde offenbar ungezählte Jahre gnadenlos über ein paar der härtesten Schotterstraßen der Welt getrieben und entspricht daher allen Klischees: Ein quietschender, dröhnender Seelenverkäufer, der während unserer sechseinhalbstündigen Fahrt von Gondar nach Chenek, im westlichsten Zipfel der Simien Mountains, jedes Gespräch und jeden Schlafversuch im Keim erstickt. Und dann ist da noch die ständige Angst, sich beim nächsten Schlagloch die Zunge abzubeißen. Also lieber schweigen und genießen. Schließlich gibt es Menschen, die zahlen und Schlange stehen würden, um auch nur für ein paar Minuten so gnadenlos durchgerüttelt zu werden.

Draußen, jenseits der scheppernden Schlierenscheiben bereitet der Landschaftsregisseur gerade einen radikalen Szenenwechsel vor: "Cut! Genug von den faden Kichererbsenfeldern, Leute. Weg mit der öden Gerste, den eintönigen Eukalyptusplantagen, den trägen Kuhherden. Ich will Schluchten sehen! So richtige. Grand Canyon auf Äthiopisch. Ja, genau. Und Affenhorden. Bringt mir Babouns, damit da ein bisschen Bewegung ins Bild kommt. Die schlafen uns ja sonst ein, die Leute...!"

Pavianfamilie mit Jungen in Äthiopiens Simien Gebirge
Picture by T. Micke

Wir schlafen bestimmt nicht ein: Seyoum, unser Fahrer, prügelt den alten Wagen zwischen friedlich grasenden Pavian-Familien eine steile und kurvige Bergstraße hinauf auf über 3300 Meter. Erst links, dann auch rechts stürzt der Horizont zwischen Felstürmen ins beinahe Bodenlose. Atemberaubende Steilwände wachsen zu uns empor wie die Mauern eines Riesenlabyrinths, ab und zu durchbrochen von einem Wasserfall zwischen moosbedeckten Klippen, und in der dunstigen Tiefe kann man Wälder und ein paar Dörfer mit den traditionell strohgedeckten Tukuls der Bauern erkennen. Darüber segeln Raubvögel – Adler, Bussard und Lämmergeier – auf Maus-Patrouille.

Seyoum brettert rallyemäßig einen steilen Hügel hinunter. Links von uns Felsen, rechts der Fluss, allerdings in einer Schlucht gut hundert Meter tiefer. Wir sind zu schnell für die kommende scharfe Linkskurve. Seyoum tritt aufs Bremspedal. Zu heftig für schlechte Reifen auf losem Untergrund. Das schwere Geländeauto schaukelt sich an einer Bodenwelle auf, schlingert, bricht aus, beginnt mit erschreckender Schräglage quer zu rutschen. Ich reiße die Beifahrertür auf, um abzuspringen, als sich Seyoum endlich aus dem Schock löst und den Fuß von der Bremse nimmt. Der Wagen bekommt wieder Richtung, schrammt gut zehn Meter seitlich an der Felswand entlang und steht.

In der gewaltigen Staubwolke höre ich David, meinen einheimischen Führer, und Bogart, den uns begleitenden Scout der Nationalparkverwaltung, auf den Rücksitzen nach Luft schnappen, Seyoum starrt schockiert zu mir herüber, blass wie weiße Schokolade, und bekreuzigt sich, obwohl er eigentlich Moslem ist. Wir fallen einander in die Arme wie alte Kumpel. Todesangst verbindet...

Im Lager Chenek, einer kleinen Almwiese mit natürlichem Fließwasser auf 3600 Metern direkt am Rande eines Canyons, schlagen wir bei Einbruch der Dunkelheit unsere Zelte auf. Beim Abendessen beginnt David, der bis zu unserem Ausritt eher schweigsam war, zu erzählen: "Die wenigen Besucher, die eit dem Bürgerkrieg mit Eritrea in den Simien-Park kommen, sind meist nicht wegen der Steinböcke hier, sondern um den Ras Dashen, den mit 4620 Metern vierthöchsten Gipfel Afrikas weiter im Westen zu bezwingen."

Zwei Tirolern, dem Landecker Bergführer Burkhard Reich und dem Innsbrucker Geografen Bernd Noggler, die im Rahmen eines Projekts der Österreichischen Entwicklungshilfe vor ein paar Jahren ins Simien-Gebirge gekommen seien, verdanken er und eine Hand voll anderer amharischer Scouts eine solide alpine Ausbildung, die ihnen jetzt zu Gute käme.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt krieche, traue ich meinen Augen kaum. Die Hochebene hat über Nacht einen weißen Zuckerguss bekommen. Schnee in Äthiopien! Großartig, und ich habe gestern Abend meine Bergschuhe vor dem Zelt vergessen...

Direkt an der Steilklippe, hinter der sich soeben die Sonne orangerot durch den Morgendunst kämpft, grast seelenruhig eine 14-köpfige Großfamilie von Djelada-Babouns, einer Pavian-Art, deren Männchen auf der Brust ein leuchtend rotes Herz als Reifezeichen tragen. Nach dem Frühstück brechen David, Bogart und ich (mit feuchten Schuhen) in Richtung des 4430 Meter hohen Buahit auf. Die starke Sonneneinstrahlung hat den nächtlichen Schnee längst weggetaut, dafür treiben jetzt Nebelschleier über die mit Thymian und Erika bewachsenen Hänge. Auf dem Weg zum Gipfel hoffen wir, den Abessinischen Steinbock, den König der Simien-Gebirge, mit seinem Gefolge zu entdecken. Ein Privileg, wie David mir erklärt, das nicht jedem Besucher zuteil wird. Denn weltweit gebe es von diesem Vetter des Alpen-Steinbocks nur noch ein paar hundert Stück. Und dieses Felslabyrinth sei seine letzte Heimat.

Langsam wandern wir durch den feuchten Morgendunst einen schmalen Ziegenpfad entlang. 4000 Meter: Die dünne Luft macht sich bemerkbar. Mein Magen rebelliert, und ich brauche eine Pause. In dieser Höhenlage verwandeln überaus seltene Riesenlobelien die steinigen Hänge in einen eigentümlichen Zauberwald: Nur etwa alle zehn Jahre produziert diese Pflanze eine einzige mächtige Blüte, dann stirbt sie, und an ihren Wurzeln wächst ein neuer Spross.

Malerische Regenfront in den äthiopischen Bergen der Simien Mountains
Picture by T. Micke

Plötzlich packt mich Bogart, der sich neben mir niedergelassen hat und grüne Kaffeebohnen kaut, am Arm und deutet in die vor uns liegende Nebelsuppe hinein. Steinböcke! Keine fünfzig Meter entfernt gehen zwei Steinbock-Mamas mit ihren Jungen vorbei. Der Wind weht günstig zu uns herüber, sodass sie uns trotz der Nähe nicht wittern können. Bogart packt mich ein zweites Mal am Arm, gerade als der dichte Nebel die vier wieder verschluckt. Da steht er auf einem Felsvorsprung! Mit Hörnern so prächtig geschwungen wie Elefanten-Stoßzähne. Der Bergkönig: Daheim in Österreich habe ich ihn immer nur auf Postkarten gesehen. Verrückt, dass ich nach Afrika fahren muss, um dieses Tier in freier Wildbahn zu erleben.

Fünf Stunden später sind wir wieder im Lager. Die Steinböcke sind weg, die Babouns auch, aber dafür entfaltet sich entlang des westlichen Horizonts ein fantastischer Sonnenuntergang. Kurz darauf ziehen schon wieder dunkle Wolken am dämmernden Himmel auf, und in der Ferne grollt der Donner. Nicht nur Tiere gibt es hier wie in unseren Alpen, sondern auch das Wetter wechselt offenbar ebenso schnell. Schade, dass ich kein schönes Foto von "Seiner Majestät" schießen konnte, aber immerhin durften wir an seinem Hof zu Gast sein.

Als ich wenig später den Reißverschluss zu meinem Zelt öffne, um hineinzukriechen, ruft mir David von gegenüber zu: "Vielleicht solltest du dieses Mal deine Schuhe mit ins Zelt nehmen. Es wird wieder Schnee geben..."


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© Eine Reportage von T. Micke (03-03-02) – Kontakt