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Blindenhilfsmission in Äthiopien: Kein Leben ohne Licht

Stellen Sie sich vor, Sie müssen Ihren Augenarzt mit einer Million anderer Menschen teilen. Sie sehen nicht mehr so gut wie früher, wissen aber nicht warum. Inzwischen ist es so schlimm, dass Sie nicht mehr arbeiten können. Zum Arzt müssen Sie sechs Stunden zu Fuß gehen, und das Geld reicht nicht einmal für die Behandlung. Das ist kein Leben, sagen Sie? Doch! Nur eben nicht bei uns. Ein Lokalaugenschein mit "Licht für die Welt" in Äthiopien.



Augenoperation in äthiopischem Dorf
Picture by T. Micke

Es ist ein wunderschönes Land, das wir vom kleinen ostäthiopischen Inlandsflughafen Diredawa aus mit dem Geländeauto in Richtung Harar durchqueren. Aus der feuchten Hitze der Tiefebene windet sich die frisch geteerte Hauptstraße über halsbrecherisch enge Serpentinen 800 Höhenmeter hinauf in eine kühle, saftig grüne Hochebene, reich an kleinen Seen, die in der Nachmittagssonne glitzern.

Ziegenhirten treiben ihre Herden von den Weiden nach Hause, junge Harari-Frauen in Grün und Gelb, Blau und Rot tragen auf ihren Köpfen mühelos schwere Wasserkrüge und bündelweise Brennholz ins nächste Dorf. Dort wird gleich neben der Straße Getreide gedroschen. Teff-Körner, die dann im Steinmörser vermahlen, in einer großen Pfanne zu Injera, dem heimischen Fladenbrot, gebacken werden.

Die Straße in Äthiopien gehört den Fußgängern. Autos gibt es hier bis auf wenige Busse und Überland-Schwerlaster so gut wie nicht. Langsam und um jeden Meter freier Fahrbahn hupend bahnt sich das Auto den Weg zwischen Menschen, Kühen, Ziegen, Schafen und Hunden. Sobald wir vom Inneren des Wagens winken und lächeln, löst sich das erschrockene Staunen der Menschen. Sie lächeln mit strahlend weißen Zähnen zurück, winken uns nach.

Muss schon wirklich komisch aussehen: Menschen, denen jede Farbe fehlt, Hände und Gesichter, blass wie Ziegenkäse. Und im Fall von Chris Lohner, die mit auf diese lange Reise mit "Licht für die Welt" gekommen ist auch noch feuerrote Haare!

Chris Lohner, der berühmteste Pagenkopf Österreichs, ist nicht als bekannter Fernsehstar hierher gereist. Sie ist eine geheilte Blinde, eine Patientin, die das Glück hatte, im "richtigen" Teil der Welt aufzuwachsen, und jetzt für "Licht für die Welt" (ehemals Christoffel-Blindenmission) als "Botschafterin zwischen zwei Welten" im Einsatz ist. 1988 bekam die ehemalige TV-Moderatorin Grauen Star. Ein "schreckliches Gefühl wie Dauernebel, wie Vaseline auf den Augen", das immer schlimmer wurde, beschreibt sie die anfänglichen Symptome.

Grauer Star ist in Europa heutzutage kein Thema mehr, eine Routine-Operation, bei der die getrübte Linse entfernt und durch eine aus Kunststoff ersetzt wird. Ein Standard-Eingriff von einer halben Stunde. Eine Augenkrankheit, die hierzulande niemandem mehr das Leben zerstört.

Augenuntersuchung in Spital in Bisidimo, Äthiopien
Picture by T. Micke

In Äthiopien sind bei knapp 60 Millionen Einwohnern rund eine Million Menschen blind. Die Hauptursachen sind aus europäischer Sicht erschreckend lächerlich: Schlechte Ernährung in der Kindheit und die einfache Tatsache, dass es in manchen Gegenden dieses so kontrastreichen Landes, dreimal so groß wie die BRD, einfach nicht genug sauberes Wasser zum Waschen gibt.

Blindheit hat in einem Land wie Äthiopien viel härtere Folgen als bei uns. Traditionell ist jede Behinderung im hauptsächlich christlich-orthodoxen Land ein Fluch, eine Gottesstrafe. Neben dieser Ächtung, die auch in Europa im Mittelalter gang und gäbe war, sind blinde Menschen außerdem für die äthiopische Familie eine schwere Belastung. Kein öffentliches Sozialsystem fängt die vielen behinderten Menschen auf. Arbeitsunfähigkeit sorgt im täglichen Kampf ums Überleben dafür, dass sie ausrangiert werden, keinen Partner fürs Leben finden, den Anschluss verlieren. Denn nur wer in einem so armen Land selbstständig ist, kommt weiter und kann eine Familie und später ein mal auch die eigenen Eltern miternähren.

Das Dorf, das wir heute besuchen, liegt 25 Kilometer von der nächsten, ernst zu nehmenden Schotter Nebenstraße entfernt. Auf der Fahrt wird uns klar, warum der Wetterbericht für heute so wichtig war: "Wenn es richtig schüttet", erklärt unser Begleiter Belai, "verwandelt sich dieser holperige Ziegenpfad in einen lehmigen Sturzbach. Und dann wird sich unser Geländewagen an Ort und Stelle zur Touristenattraktion wandeln. Den kriegt dann keiner mehr aus dem Schlammloch."

"Wenn jetzt im Sommer die monatelange Regenzeit beginnt, dann sind einige dieser Dörfer überhaupt nur noch zu Fuß, in Mehrtagesmärschen erreichbar", erklärt uns Chirurgin Simrat Bedlu von der Augenklinik in Bisidimo. "Deshalb ist es so wichtig, dass wir noch einmal vor dem großen Regen in die Dörfer fahren und nach den Patienten schauen. Der Weg in die Klinik nach Bisidimo ist für diese Menschen zu weit."

Bisidimo ist der Stolz der Christoffel-Blindenmission, die diese Augenklinik weit entfernt von jeder Großstadt hauptsächlich aus Spenden finanziert. 5000 Patienten werden hier jährlich behandelt und versorgt. 600 davon leiden an Grauem Star und werden operiert. Wer die Behandlung bezahlen kann, der zahlt nach Kräften. Umgerechnet knapp 30 Euro kostet der lebensverändernde Eingriff. 13 Euro davon sind für die künstliche Linse. Ein Klacks für die Kaufkraft jedes Europäers. Aber ein äthiopischer Bauer muss dafür zwei Ziegen verkaufen.

"Kein Patient wird in Bisidimo wieder weggeschickt, weil er nicht bezahlen kann", versichert Rupert Roniger, Chef der Christoffel-Blindenmission in Wien: "Die 30 Euro für ein gerettetes Auge kommen im Notfall direkt von einem unserer Spender in Österreich. Dass dieses Geld seinen Weg zu den mittellosen Patienten findet, dafür gibt es uns." 30 Euro, die einen jungen Menschen wieder lebensfähig machen, ihm einen Platz in der von harter Arbeit und Leistung abhängigen Gemeinschaft zurück geben.

Glückliche Gesichter nach der Augenoperation in Äthiopien
Picture by T. Micke

Eine gute Stunde haben wir mit dem Ärzteteam aus Bisidimo für die 25 Kilometer lange Strecke ins Dorf Gened Adem benötigt. Um so herzlicher ist der Empfang. "Salam!" rufen die Kinder, die dem Fahrzeug mit viel Gelächter bis zum Dorfplatz nachlaufen: "Friede sei mit euch!"

Die Freiluft-Ordination dauert den ganzen Tag: Alle Kinder müssen sich zur Untersuchung in einer Reihe aufstellen. Dann sind die Großmütter und Großväter dran, die sich vor den europäischen Gästen vergeblich bemühen, gleichzeitig Haltung zu bewahren und das Geschrei und Gequietsche der Kleinen zu beenden.

Ein dreijähriges Mädchen weint so herzzerreißend, dass es unvergesslich unter die Haut geht: Durch einen Sturz beim Spielen hat sich die Kleine schwer am rechten Auge verletzt. Der Arzt sagt, dass er nicht viel tun kann. Wenn sich der Zustand verschlechtert, muss das Auge entfernt werden, um weitere Infektionen zu vermeiden.

An der Lehmwand hinter der Gemeindehütte wird unter freiem Himmel ein provisorischer Operationssaal aufgebaut. Eine 50-jährige Patientin liegt auf einer grünen Holzkiste, die bloßen Füße auf einem Wasserkanister aufgestützt. Die Flasche mit der Desinfektionslösung steht im Staub. Skalpell, Nadel und Faden und die Spritze für die lokale Betäubung liegen daneben auf einem sauberen grünen Tuch.

Eine Trachom-Operation steht an: Chirurgin Simrat Bedlu muss das linke obere Lid der Frau nach einer Infektion aufschneiden, umklappen und neu vernähen, damit die eingedrehten Wimpern nicht mehr bei jedem Augenschlag die Hornhaut zerkratzen.

Gut 70 Männer, Frauen und Kinder stehen wie angewurzelt in einem Halbkreis um den "OP" herum und beobachten mit einer Mischung aus Schock und Faszination jede Bewegung der Ärztin. Es ist so still, dass man die Fliegen surren hören kann, die ein Assistent von der Patientin zu verscheuchen versucht.

20 Minuten später ist die unglaubliche Szene wieder vorbei. Die 40-jährige Chirurgin, die sich zufrieden vom bereitgestellten wackeligen Sperrholz-Schemel erhebt, ist solche Arbeitsbedingungen gewohnt: "Es geht oft nicht anders. Wir haben nur 15 Betten in Bisidimo. Und die sind für die schweren Fälle..."

Als sich der Geländewagen am Abend wieder im Schritttempo über den Ziegenpfad zurück nach Bisidimo quält, bringt Rupert Roniger das, was wir uns alle nach diesem Tag denken, auf den Punkt: "Es kommt einem manchmal schon wie ein Tropfen auf den heißen Stein vor. Aber wenn man erleben kann, wie ein einziger Mensch wieder mit ein bisschen Hilfe von uns sich selbst helfen kann, dann ist das alle Mühe wert."


Das Spendenkonto von Licht für die Welt, vormals Christoffel Blindenmission: PSK 92.011.650 (BLZ 60000)

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© Eine Reportage von T. Micke (01-07-01) – Kontakt