Die Nachlese

Reportagen und Berichte mit der Keyword-Search suchen... Gegründet 1999 als "Die Nachlese"

ARCHIV INDEX
- Servus-Magazin

- Abenteuer/Reise
- Allgemeinwissen
- Astronomie/Weltall
- Forschung/Hitech
- Fun Stuff/Verrücktes
- Gesund/Umwelt
- Historisches/Antike
- Hobby/Kochen
- Pflanzen/Tiere
- Politik/Wirtschaft
- Sport/Extremsport
- Testautos/Autotests

- Fotos/Bild-Archiv

Translation

Traduction


- Weltbildung-Weblog
- Coole Surftipps
- Über Welt-Bildung
- FAQs/Leserbriefe
- Home/Startseite


Im Zauber des Adventmarkts

Die Vorweihnachtszelt stellt heute mit all ihrer Hektik und der kulissenhaften Feierlichkeit der Einkaufsstraßen große Anforderungen am unsere Phantasie. Weihnachten im Kopf ist wichtiger als Geschenkerausch und Christbaumschmuck. Die Kunst besteht darin, im Wettlauf auf den Heiligen Abend auch einmal tief durchzuatmen.



Christkindlmarkt Wien Rathaus
Picture by T. Micke

Es war Freitag Abend in der kleinen Zauberwelt, die in der Adventzeit im Herzen jeder Großstadt geboren wird. Kleine Barockengerl flogen tief durch die schmalen, verwinkelten Gässchen des Weihnachtsmarktes, streuten Zimt und Koriander in die Nasen der fröstelnden Besucher und huschten mit ihren duftenden Watteflügeln hier und da über bunte Weihnachtskugeln, Zuckeräpfel und Kinderaugen, um ihnen ein wenig adventlichen Glanz zu verleihen.

Ein Meer an winzigen Lichtern überflutete die kleine Welt, wogte mit jedem Windstoß leise klirrend hin und her und brandete bis an den Gehsteigrand der Straße, wo es von den kalten Scheinwerferaugen des Abendverkehrs zurückgeworfen wurde.

Aus dieser Richtung hastete kurz vor Ladenschluss ein Mann auf den Adventmarkt. Er war Ende 30, hielt in der Linken einen Aktenkoffer, in der Rechten ein Bündel ungeöffneter Geschäftsbriefe, die er in Eile aus dem Büro mitgenommen hatte.

Wie einen Umhang brachte der Mann eine Wolke kalter Luft mit sich. Und während alles rundum heimelig nach Zimt, Weihnachtspunsch und Koriander duftete, umwehte ihn ein eisiger, ungemütlicher Hauch, so dass die kleinen Barockengel ganz erschrocken auseinanderstoben.

"Weihnachten!", murmelte der Mann übellaunig in seinen Schal. Dann halblaut: Verdammter Geschenkestress. – Wie wenn es gar nichts Wichtigeres gäbe." Und: "Arbeit, Arbeit, Arbeit!" und drängte sich mit hastigen Blicken nach Links und Rechts durch die Menschenmenge.

Als er sich zehn Minuten später mit einem weißen und einem braunen Plüschbären vor einem der Punschstände durch eine angeheiterte Touristengruppe kämpfen musste, hatte er Schweißperlen auf der Stirn.

"Besoffene Spinner", dachte sich der Mann, stolperte und lag eine Sekunde später der Länge nach auf dem Boden, den Anzug am Ärmel zerrissen, die Plüschbären für seine zweijährige Tochter und seinen dreieinhalb jährigen Sohn von vorbeihastenden Füßen weggetreten, die Geschäftspost in einer Punschpfütze verteilt.

"Stefan, Oida, wos is los mit dia?', sagte eine Stimme und zog den Mann mit einem kräftigen Ruck wieder auf die Füße. Der fluchte, dass die kleinen Barockengel, die neugierig herangeflogen waren, entsetzt in Deckung gingen.

Die hilfreiche Stimme gehörte einem alten vollbärtigen Männchen, das mit flinken Fingern die durchtränkten Briefumschläge vom Boden aufgesammelt hatte und den Gestürzten nun mit eisernem Griff an einen der kleinen Punschstand-Stehtische zog.

"Stefan, Stefan!", begann das Männchen rauschig zu plaudern. "Oida, du schaust aus, wie wann'st zu deina eigenen Beerdigung gängan tät'st! Vergiss doch amal die Bürohackn und denk an dei Frau, an deine zwa liabn G'schroppen, die z'haus auf di woaten. Du host jo vergessen, wie ma lacht. So kannst jo net z'haus gehn!"

Frau? Kinder? Büroarbeit? Woher wusste dieser angetrunkene Sandler...?

"Woher kennen Sie meinen Namen?", fragte der Mann irritiert.

"Des sog i da nur, wann'st ma an g'scheiten Punsch und a Schmoizbrot zahlst", grinste das Männchen und zupfte listig an seinem filzigen, grauen Bart.

Der Alte nahm den heißen Punsch mit beiden Händen und wärmte sich die steifgefrorenen Finger. Dann biss er hungrig von dem Schmalzbrot ab und meinte mit vollem Mund plötzlich todernst: "I bin da Weihnachtsmann. Oba mir zwa kennan uns scho so lang, Oida, du derfst a Klausi zu mir sogn."

Aha, noch ein Spinner! Der Mann nestelte gereizt an dem Loch am Ärmel und atmete sichtlich erleichtert auf, als er sah, dass der Alte noch seine Geschäftspost in Händen hielt. Daher wusste der Kerl also seinen Vornamen. "Geben Sie mir meine Post zurück, und lassen Sie mich in Ruhe."

"Naaa! Nur, wann i no an Punsch kriag", forderte der forsch.

Dem Mann blieb nichts anderes übrig, als seinem sonderlichen Erpresser noch einen Punsch zu besorgen.

Als er zurückkam, war der Alte weg. Auf dem Tischchen lagen der weiße und der braune Plüschbär, als ob sie nie gefehlt hätten. Daneben die Geschäftsbriefe. Und auf dem obersten Kuvert stand in alter Kurrentschrift geschrieben: "Trinke auf mein Wohl, Freund, und lebe!"

Als der Mann sich noch einmal verdutzt nach dem Alten umsah, war es ihm, als ob er ein leises, schelmisches Kichern gehört hätte. – Aber das kam wohl von dem Barockengerl, das sich in diesem Moment auf seine rechte Schulter gesetzt hatte.


< Zurück zu Fun Stuff/Verrücktes

© Eine Reportage von T. Micke (18-12-94) – Kontakt